ADAMELLO
© FOTOS: CHRISTOPH SCHOECH
AVE:
re
id
R
RE
ID
EHCS
AT
P
OR
o P
edo
s:R
eloP
Gemeinheit diesen Anstieg angeseilt zu bewältigen. Hier ist echte Teamarbeit gefragt, um einen
gemeinsamen Schritt zu finden und das Seil nicht unter die Ski zu bekommen. Erst jetzt ist es rich-
tig hell geworden, und es erschließt sich einem langsam die gewaltige Adamellogruppe. Die letzten
200 Höhenmeter wandern die Ski blitzschnell über eine Schnellfixierung auf den Rucksack, und man
geht mit den Steigeisen am kurzen Seil bis auf den Gipfel. Doch da passiert, was nicht passieren darf:
Jeder hat bei solch einem Rennen schwache Momente und muss dann besonders konzentriert sein.
Simon ist es heute nicht und verliert einen Stock, der in das einzige tiefe Fischmaul weit und breit
fällt und nicht wieder zu bergen ist. Hilft nichts, wir müssen weiter, um unsere Zielvorgabe von gut
sechs Stunden zu erreichen.
Oben am Gipfel merkt man zum ersten Mal so richtig die Höhe. Man fühlt sich etwas taumelig und
im Gegensatz zu einem Freerideausflug mit Innehalten geht es sofort in die Abfahrt am Seil. Wie ich
das hasse! Man ist schon etwas angezählt und hat genug mit sich zu tun, und dann diese lästige
Einlage. Beim Adamello Skiraid ist es nicht erlaubt das Seil mit Gummizügen vom Boden weg zu hal-
ten, was die Abfahrt erheblich erschwert. Man muss sehr gut aufeinander eingespielt sein. Kommt
das Seil im Schwung auf den Boden und unter die Ski, haut man meist eine kapitale Breze in den
Hang, was Materialbruch und Verletzungsgefahr bedeutet.
Mittlerweile bewegt man sich körperlich auch in sehr eigenartigen Sphären. Im Aufstieg ist es ein
dumpfer Ganzkörperschmerz, der sich nicht richtig lokalisieren lässt. Begleitet von einem leichten
Übelkeitsgefühl in der Magengegend. Wir müssen jetzt weiter am Seil auf den 3.539 Meter hohen
Monte Adamello. Jetzt sind wir mitten in einer der größten Gletscherlandschaften der Alpen, und es
wäre ein bezauberndes Panorama, wenn man Zeit dazu hätte. Es ist zwar erst kurz nach neun Uhr
am Morgen bei circa minus zwei Grad, und der Streckenposten steht im Daunengewand mit
Zigarette in der Hand. Wir haben Saunamodus im hauchdünnen Turnanzug. Verrückte Welt, denke
ich mir. Dann müssen wir etwas essen, um demMann mit demHammer noch keine Chance zu geben.
Der Energieriegel geht unmöglich auf einmal runter und wird einfach wie bei einem Hamster in der
Backentasche gelagert, wo er sich langsam auflöst. Wir wechseln uns mit dem Stock ab und versu-
chen einen langen Gleitschritt einzulegen, um möglichst viel Kraft zu sparen.
Oben am Gipfel wird das Seil im Rucksack verstaut, und es geht über eine felsdurchsetzte Steilstufe
mit circa 60 Grad, die mit Fixseilen versichert ist, 100 Meter nach unten. Auch wenn man sich mitt-
lerweile am Limit bewegt, ist loslassen aus demWortschatz gestrichen. Schwere Verletzungen wären
die Folge. Jedem alpinen Sicherheitsfanatiker würden bei diesen Wettkampfbedingungen die Haare
zu Berge stehen. Man wird zwar darauf hingewiesen die Bandschlinge mit zwei Karabinern als
Klettersteigset zu verwenden, aber man kann sich denken, wie viele Teams diesen Chickenway neh-
men. Nach einer kurzen Traverse wiederholt sich das Abseilspiel am 3.300 Meter hohen Passo
Inglesi. Ich kenne diese Passage von einer super entspannten Freeridetour. Ein herrlicher 45 bis 50
Grad steiler Durchgang mit nördlicher Ausrichtung, wo lange guter Powder zu finden ist, auch wenn
im Tal schon die Straßencafés überfüllt sind. Links über uns ist die gewaltige Nordwand des Monte
Adamello, die ihren Schatten über uns wirft.
Doch nicht heute. Das gesamte Couloir ist mit Fixseilen versichert. Jetzt heißt es noch mal volle
Konzentration, um die vier Seillängen sicher zu bewältigen. Unten schnallen wir die Ski an und sind
fast ein wenig euphorisiert, weil wir eine leichte Abfahrt vor uns sehen und den finalen Gegenanstieg
im Geiste schon bewältigt haben. Die folgende 2.000 Höhenmeter umfassende, 17 Kilometer lange
Abfahrt vom 3.160 Meter hohen Passo Vernerocolo haben wir auch schon gedanklich hinter uns
gebracht und wähnen uns beim Bier in Ponte di Legno. Der Körper mobilisiert noch mal letzte
Kräfte, und der Laktatschmerz in den Oberschenkeln wird mittlerweile gleichgültig hingenommen.
Nach dem fünften Schwung passiert es: Plötzlich schlage ich mit dem Gesicht unvermittelt in den
Schnee. Was war das? Hat sich angefühlt wie ein Stein. Kann doch gar nicht sein in diesem Hang. Ich
blicke belämmert nach oben und sehe Simon über mir liegen mit nur einem Ski. Sein verlorener Ski
hat mich aus dem Hang geschossen und ist unauffindbar. Die Spur zeigt ins Tal, und die beiden
Streckenposten bestätigen uns den Verdacht. Aus und vorbei, den bekommen wir nie wieder! Das
wäre eine gröbere Suchaktion mit einigen hundert Metern Abstieg. Wir können es nicht richtig fas-
sen, und es dauert einige Minuten, bis uns klar wird, was gerade passiert ist. Wir werden nicht ins
Ziel kommen! So kann man doch nicht aussteigen! Aber es hilft nichts. Simon wird per Heli ausge-
flogen, und ich muss mich über zwei schwindlige Materialseilbahnen in ein Seitental von Temu
durchschlagen, wo ich an der Talstation noch bis nachmittags um vier ohne Essen und Trinken auf
den Shuttleservice warte.
Auf der Rückfahrt nach Rosenheim weicht die Enttäuschung allmählich der Kampfeslust, und ich
schmiede nach dem dritten Tegernseer mit Seppi Rottmoser, der die Strecke in gigantischen vier
Stunden 57 Minuten bewältigt hat und zur erweiterten Weltspitze im Skitourenrennsport gehört,
neue Pläne. Wir wollen in den nächsten Tagen gemeinsam losziehen. Mit dem MTB und den
Freeridelatten auf dem Rücken, um nach den letzten fahrbaren Schneeresten in unseren Hausbergen
zu suchen. Das nenne ich Völkerverständigung! Voneinander lernen und profitieren, um seinen eige-
nen Horizont zu erweitern.
Für mich gibt es Freeriden, Skimountaineering, Skirunning – und wie man es alles nennen mag – nur
in Kombination. Letztendlich zählen die Bedachtheit, die Eleganz und der Spaß bei all diesen alpinen
Bewegungsarten. Ich bin mir sicher, dass wir in einigen Jahren eine andere Wahrnehmung für diese
Sportarten haben werden und es weniger Gruppendenken geben wird. Sei es das verbesserte
Material, die zunehmende Regulierung der Berge, der gesellschaftliche Zeitgeist und vor allem der
Unternehmungsgeist und die Individualität jedes einzelnen von uns, der sich seine Kombination
selbst zusammensetzt.
Text: Roman Dirscherl
Vorher
Nachher