Seite 27 - Bergstolz Issue No. 36

FIEBERBRUNN
BERGSTOLZ Ski Magazin Oktober 2012 | Seite 27
Mit Freeriderin Pia Widmesser (27) aus Kiefersfelden soll ich im Sommer ein Interview führen.
Irgendwo draußen wollen wir uns treffen. Auf den 2118 Meter hohen Wildseelodergipfel stei-
gen? Pia kennt den Berg sehr gut. Allerdings nur imWinter. Im Sommer war sie da noch nie. Zeit
wird’s! Abgemacht!
Fieberbrunn in Tirol. Mitte August. Wir haben das heißeste Wochenende des Sommers erwischt.
Thomas Straub begleitet uns als Fotograf. Seine Idee, Pia in voller Montur auf dem Gipfel abzulich-
ten, hat zur Folge, dass wir zusätzlich zum Foto-Equipment auch noch Pias Skiausrüstung auf den
Wildseeloder schleppen. An der Bergbahn Fieberbrunn ernten wir Mitleid: „Des soid ois auf’n Berg?
Vui Spaß!“ Wo ist das Problem? Von der Lärchfilzkogelbahn, die uns auch im Sommer bequem auf
gut 1600 Meter Höhe liftelt, müssen wir ja nur zur Materialseilbahn der Wildseeloderhütte. Dass
diese aber 100 Höhenmeter tiefer liegt und gut 15 Minuten Fußmarsch entfernt ist, ham mia Deppn
natürlich ausgeblendet. Zefix! Klamotten ohne Ende: Taschen, Fotokoffer, Stativ, Rucksäcke,
Skischuhe, Ski, Helm, Stöcke,...
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Grad im Schatten. Wandernde Touris schauen irritiert, als sie Pias Ski sehen. „Best of“ der
Kommentare: „Ihr seid’s definitiv zu früh dran!“ „Ihr wisst aber schon, dass es oben keinen Gletscher
gibt?“ Konter: „Es ist nie zu früh.“ „Wir wollen garantiert die Ersten sein!“ Eine Einheimische kopf-
schüttelnd zu ihrem Mann: „De Preißn wida. Wia in da Piefke Saga.“ Mooooment! Wir sind aus
Bayern!!!!
Materialseilbahn beladen. Zu Fuß weiter Richtung Wildseeloderhütte. Jetzt sieht man sie, die
Wildseeloder-Nordwand. Pia studiert den Steilhang sehr genau: „Hat was, im Sommer hier zu sein.
Der Hang sieht jetzt ganz anders aus!“ Da, wo man im Winter ins Zielgelände fährt, blüht der
Almrausch. Fast schon lieblich. Das Face selbst ist ohne Schneekleid viel beeindruckender. Finde ich.
Extrem felsig und verflucht steil. Halleluja! Und da fahren die im Winter runter! Pia allerdings sieht
das ganz anders: „Im Winter erscheint mir die Wand viel abweisender, schroffer, exponierter.“ Der
Männerstart direkt am Gipfelkreuz. Die Mädels starten etwas tiefer von der Schulter. Schade eigent-
lich. Denn noch in der Saison 2010/2011 gingen Männlein wie Weiblein ganz oben an den Start. Pia
ist bereits ein paar Mal die Steilwand abgefahren. From the Top. Auch außerhalb der FWT. Nur wäh-
rend der letzten vier Wochen vor dem Wettbewerb bleibt das Face gesperrt. Letztes Jahr, so Pia,
waren die Bedingungen fantastisch. Zum Teil lag richtig Tiefschnee in der Wand. Ein Vergnügen war
es hier zu fahren. Dem ist nicht immer so. Die Wand sei ziemlich windanfällig. Nicht selten fährt man
auch auf Eis, im Bruchharsch oder windgepresstem Schnee. Die Wahl der Linie daher, wie bei jedem
Run, auch hier in Fieberbrunn entscheidend.
In der Dämmerung steigen wir von der Wildseeloderhütte (PS: Super Essen! Extrem lässige Wirtsleut!
Ein Jammer, dass sie im Winter nicht oben sind) auf den Gipfel. Wir sind alleine. Berge soweit das
Auge reicht. Bestes Licht. Absolute Stille. Hier erzählt Pia, dass sie diesenWinter nicht bei der Freeride
World Tour an den Start gehen kann. Der Grund: Eine Fusion der Freeride World Tour mit der
Freeskiing World Tour. Im kommenden Winter dürfen die sechs bestplatzierten Damen aus der FWT
in der neuen, vereinigten World Tour ran. Da Pia 2012 „nur“ den siebten Platz im Gesamtweltcup
belegte, verpasste sie den Startplatz denkbar knapp. Was für sie bedeutet, in der kommenden Saison
über Qualifier Wettbewerbe zu versuchen, sich zumindest für den Winter 2013/2014 wieder einen
Startplatz zu sichern. So bedauerlich die Situation auch ist, sie hat einen kleinen Vorteil. Pia wird die-
sen Winter ein paar coole Filmprojekte verfolgen.
Im Winter kommt Pia gelegentlich zum Freeriden nach Fieberbrunn. Zum einen, weil das Tiroler Ört-
chen für sie, die in Kiefersfelden lebt, schnell zu erreichen ist. Aber auch, weil sie das kleine, feine
Skigebiet sehr mag, seine Off-Piste Möglichkeiten schätzt und ihr die familiäre Stimmung hier gefällt.
Am nächsten Morgen auf der Hütte. Wildseeblick. Frühstück in der Sonne. Und Pia schwärmt vom
Winter: „Auf der FWT ist Fieberbrunn ein besonders toller Tourstopp. Nicht nur für uns Athleten, auch
für die vielen Zuschauer. Die Organisation ist außergewöhnlich gut. Der ganze Ort steht hinter der
Foto: Swatch Freeride World Tour / David Carlier
Foto: Swatch Freeride World Tour / Tim Lloyd