Bergstolz - Das Freeride Magazin

NORWEGEN SKI & SAIL


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Eins ist sicher – ich ignoriere nie mehr die Packliste von Einheimischen! Und auf gar keinen Fall die eines Norwegischen Skippers. Wenn da steht: ‚Nehmt dicke Norwegerpullis und Ölzeug mit', dann werde ich das ab jetzt tunlichst befolgen und nicht mit den neuesten High-Tech-super-duper-leichtgewichts-Funktionsteilen aufschlagen. Denn wenn Du denkst, Du hast schon viel widrige Wetterlagen am Berg erlebt, vergiss alles und geh im Winter nach Norwegen zum Segeln!!!

Der zweite wichtige Punkt bei Reisen nach Norwegen – und da kann man sich wieder was von den Einheimischen abschauen – ist, dass man sich im Duty Free mit Bier und Wein eindecken sollte oder gleich den eigenen Alkohol mitbringen sollte. So wie unsere Freunde aus Moskau. Aber dazu später. Was gibt es sonst noch vorneweg zu beachten? Große Speicherkarten ins Handy und die Kamera! Denn eigentlich kann man alles fotografieren. Zumindest ging es mir so, bei meinem ersten Trip zum Segeln und Skifahren. Wenn man drüber nachdenkt eine ziemlich abgefahrene Kombination und genau das ist es auch.

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Ende April machte sich eine sehr internationale Truppe auf Einladung von Sail Norge und Northern Playground auf den Weg nach Norwegen. Dass Norwegen kein Geheimtipp mehr ist, merkt man spätestens am Flughafen in Oslo, wenn einem reihenweise Freunde und Bekannte über den Weg laufen. Lofoten, Lyngen, Festland – Ziele, Berge und Schnee gibt es zuhauf. In Bodø wurde es dann schon ruhiger und der Flugplan richtet sich hier schon daran, ob alle Passagiere an Bord sind und nicht wann die Abflugzeit festgelegt ist. Sind alle da, wird geflogen. Richtig witzig ist dann der Flughafen von Svolvær, einem der Hauptorte auf den Lofoten und dessen "Baggage Claim" – da fährt einfach das Gepäckfahrzeug mit seinen Anhängern in einen Anbau des Flughafengebäudes, die Tür wird geöffnet, jeder nimmt sich sein Zeug und verlässt den Airport Richtung Parkplatz. Für mich ging es vom Flughafen per Taxi weiter zu irgendeinem Fjord, dessen Namen ich mir partout nicht merken geschweige denn aussprechen konnte - ich hatte nur mein Handy mit Skipper Emil in der Leitung an den Fahrer weitergegeben. Unser Ziel war eine Fischerhütte irgendwo im Nichts. Kein Ort, keine Lichter, nur Küste, die Hütte ohne Steg und davor in ca. 50m zum Strand zwei Segelboote. Emil – ganz in orangenem Ölzeug mit einem seltsamen Hut aus dem gleichen dicken Material, holte mich mit dem Schlauchboot ab. Also Skisack und Duffel ins Boot, selbst hinterher und ab geht's. Jetzt muss man dazusagen, dass ich es mit Wasser, wenn es nicht gefroren ist, Schiffen und Segeln nichts am Hut habe. Und schon gar nicht bei unter null Grad. Meer, Strand und Boote habe ich bis zu dem Trip nur mit Sonne, Wärme, Flip Flops und Süden verbunden. Kälte, bedrohlich dunkles Wasser, eingefrorene Seile – oder sagt man Tau dazu? – und die falschen Klamotten im Gepäck, das kann ja heiter werden. Noch dazu war ich einen Tag verspätet angereist. Die Gruppe kannte sich schon, die Kojen waren vergeben, eigentlich immer eine etwas seltsame Situation. Nicht so diesmal, Tora und Jo kannte ich von der ispo, Umberto aus Italien auch, mit den beiden Russen Sergeji und Atom war ich nach 10min und zwei Gläsern 0,2l Wodka dick befreundet und der Skipper von unserem Segelboot – Christian aus der Schweiz – schien auch ganz in Ordnung zu sein. Den folgenden Abend könnte man fast als "Hüttenabend" durchgehen lassen. Allerdings schaukelte die Hütte!

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Bei "Sail Norge" sind die Aufgaben und Pflichten klar verteilt und alle an Bord werden in die täglichen Abläufe eingebunden: Frühstück für alle herrichten, Segeln, Angeln, Kochen. Eigentlich wie auf einer Hütte – nur dass es enger ist und schaukelt! Der große Unterschied zwischen Hütte und Boot ist aber, dass man bei einer Hütte die Ski vor der Tür hat, rausgeht, anschnallt und losläuft, bei einem Boot aber zuerst mit dem ganzen Gedöns an Land muss. Also Skisäcke – keine einzelnen Ski oder Stöcke, denn die könnten ja das Schlauchboot beschädigen – und Passagiere ins Beiboot und in mehreren Fahrten übergesetzt.

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Leider empfingen uns die Lofoten mit ziemlich unschönen Wetter: kalt, windig, Schneefall und schlechte Sicht. Bis die ganze Besatzung von beiden Booten an Land war, machten die ersten schon Hampelmänner um sich warm zu halten, bis sich der Bandwurm aus bunt gekleideten Tourengängern aus der ganzen Welt endlich im Bewegung setzte. USA, Schweden, Dänemark, Spanien, Russland, Italien, Schweiz, Deutschland und natürlich Norwegen – nicht nur farblich ein bunter Haufen! Bergführer Trond zügelte die Euphorie und legte erst mal den typischen "nur-nicht-Schwitzen- Bergführer-Gang" ein. Sehr gemächlich aber mit sehr netten Gesprächen ging es also unserem ersten Norwegischen Gipfel entgegen. Leider wurde die Sicht immer schlechter und der Wind frischte so stark auf, dass ein Weitergehen irgendwann keinen Sinn machte. Aber die erste Abfahrt mit Meeresblick entschädigte alle für das verweigerte Gipfelglück.

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Übersetzen, Skigepäck an Deck verzurren, Anker lichten, Segel setzten, Kaffee kochen, essen vorbereiten – jeder hatte schnell seine Aufgaben für sich entdeckt und das Team funktionierte schon nach dem ersten Tag erstaunlich gut. Sichtlich erleichtert erklärte mir Emil, Eigentümer der beiden Boote und Mastermind hinter Sail Norge, dass das genau sein Konzept sei. Jeder solle mitsegeln – im wahrsten Sinne des Wortes. So teilte sich die Gruppe schnell auf: An Deck wird gesegelt, unter Deck das Essen für alle zubereitet. Gegessen wird dann in zwei Schichten, bevor sich alle zu der beeindruckenden Einfahrt in den Trollfjorden an Deck versammeln. Norwegen wie aus dem Werbefilm: links und rechts fast senkrechte Felswände und eine enge Durchfahrt, die so imposant ist, dass sie auch auf den Routen der Hurtigruten fester Bestandteil ist. Am hinteren Ende des Fjords befindet sich ein Wasserkraftwerk mit Steg, öffentlicher warmer Toilette und freiem WLAN. Was beides für große Begeisterung sorgt.

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Am nächsten Tag steht dann die Königstour auf den 975m hohen Blåskaveltind an. 975 Meter klingen in den Ohren von Alpenbewohnern natürlich nach kleinen Vorbergen, auf den Lofoten ist der Blåskaveltind aber eine der höchsten Erhebungen, und wenn man bei Seehöhe Null losgeht auch ein ganz schöner Hadsch! Die ersten 200 Höhenmeter begleitet uns noch lichte Vegetation, die aber schon bei 400hm gänzlich verschwindet. Und die Wände, Rinnen und Berge die sich vor uns auftun, haben mit Voralpen nichts zu tun. Außer uns ist noch eine zweite Gruppe, die mit dem Speedboot aus Svolvar gekommen ist unterwegs, Österreicher bzw. Tiroler, die auch dem Ruf des Nordens gefolgt sind. Aber sonst sind wir in dieser wunderschönen Gegend allein unterwegs. Durch das Auf- und Abfellen und dadurch, dass wir auch ein paar Splittboarder dabei haben, zieht sich die Gruppe auseinander, was mir ganz lieb ist, je schöner die Natur, desto mehr will ich aufsaugen, schauen, genießen und das geht am besten, wenn man in seinem Tempo allein vor sich hinstapft. Ein fast meditatives Erlebnis. Als sich jedoch auf einem Bergrücken der Blick Richtung Hadselfjorden auftut, ist es um die Stille geschehen – der Glücks-Begeisterungs-Überwältigungs-Schrei kommt fast automatisch! Ein völlig bizarrer Eindruck – weiße Berge, Fjorde, Meer und am Horizont ein großes Passagierschiff. Nach kurzer Genuss Pause nehme ich den Gipfelhang in Angriff, auf dem immer wieder Schreie die Ruhe zerreißen, wenn eines der anderen Teammitglieder über den Bergrücken kommt und auch von der Aussicht begeistert ist und seinem Glück Ausdruck verleihen muss.

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Dementsprechend euphorisiert ist die Gipfelrast. Umarmungen, Saltos in den Schnee und leises Genießen bei Bier und den mitgebrachten Mittagsnack. Und das Schönste liegt ja noch vor uns. Jeder hat seine Line im Kopf und zelebriert sie in vollem Genuss. Als wir den Gegenanstieg fast gemeistert haben, schließt Emil zu mir auf. Sein schelmisches Grinsen verrät schon viel und so überrascht die Frage, ob ich noch Power und Lust auf einen "special run" hätte, nur wenig. Also biegen wir zu zweit von der Normalroute ab und nehmen ein steile Flanke in Angriff. Schon nach hundert Höhenmeter müssen wir die Ski auf die Rucksäcke schnallen. Der Schnee hat wegen seiner Südausrichtung eine dicke Eisschicht, die wir für jeden sicheren Tritt mit den Skischuhen durchschlagen müssen. Ich muss wieder an die Packliste denken: Eisgerät und Steigeisen wären hier dringend notwendig. Umkehren ist aber irgendwann keine Option und so kämpfen wir uns die Steilwand weiter hoch. Die Wucht, mit der wir uns die Tritte in den Schnee schlagen müssen, bringt mir am Abend den Spitznamen "German Machine" ein, weil es von unten ausgesehen hat, als wollte ich den Berg eintreten. Nach bangen Minuten der Kletterei erreichen wir aber doch sicher das Plateau, schnallen die Ski an und fahren nordseitig direkt vom Trollfjordindan bis zum Meer ab. Als wir zurück am Boot sind ist es kurz nach Acht – Zeit für ein großes Glas Wodka und irgendwann später einen guten Teller Nudeln. Wie schnell sich das Wetter in den Lofoten ändern kann sehen wir am nächsten Morgen. Schneefall und ziemlich schlechte Sicht. An größere Touren ist nicht zu denken. Nach kurzen Beratschlagungen steht aber das Alternativprogramm sehr schnell fest: Ein schneller Aufstieg zu den Trollfjordhytta, dort einquartieren und kurze Rinnen rund um die Hütte fahren. Die Hyttas gehören dem Wanderverein der Vesterålen, sind ganzjährig offen und bieten Platz für 6 Personen. Das Beste an den Trollfjordhytta ist aber, dass es zwei sind – eine zum Wohnen und Schlafen und eine mit einer Sauna! So vergeht der "Down Day" mit kurzen Abfahrten, Hüttenleben und Saunagängen, bevor wir am späten Nachmittag die Schiffe klarmachen und dem nächsten Spot entgegensegeln. Leider hat sich das Wetter tagsüber nicht gebessert und jedem am Bord wird deutlich gemacht, wo moderne Funktionsbekleidung an Ihre Grenzen stößt. Worüber Emil, im dicken Ölzeug, wieder nur lächeln kann.

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Am nächsten Morgen bietet sich uns wieder ein sehr bizarrer Anblick: Der Schnee und die Kälte haben eine dünne Eisschicht auf dem Meer gebildet als wir über den Steg an Land gehen, um unsere nächste Tour in Angriff zu nehmen. Leider spielt das Wetter auch diesmal nicht ganz mit und wir müssen vor dem Gipfel abbrechen, was Emil aber ganz recht ist, weil wir heute ja noch den langen Turn zurück Richtung Svolvar vor uns haben.

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An Bord haben sich die Teams mittlerweile gut eingespielt. Zwischen den "Seglern" entbrennt ein Rennen, die Boardcrew bereitet das Essen und als wir nebeneinander in den Hafen von Svolvar einlaufen, haben alle ein breites Grinsen im Gesicht. Nach Tagen der absoluten Abgeschiedenheit auf unseren zwei Booten sind wir zurück in der Zivilisation. Mit Burgerbude und Bar, die wir natürlich sofort stürmen und lange nicht verlassen. Das witzige ist, dass jetzt der feste Boden unter den Füßen wackelt – "Landsick" nennt es Emil, grinst in sich hinein und bestellt noch eine Runde sündhaft teures Bier.

von Ralf Jirgens | Bilder: Torbjørn Buvarp

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INFOBOX

ANREISE.
Der wichtigste Flughafen in Norwegen befindet sich in Oslo. Um aber Deinen finalen Zielort in Norwegen zu gelangen, solltest Du bereit sein, ein oder mehrere Male umzusteigen. Insgesamt gibt es mehr als 50 Flughäfen in Norwegen, die regelmäßig bedient werden. Norwegian und SAS verbinden Oslo und andere Städte mit vielen Landesteilen. Ein großes Streckennetz mit 43 Flughäfen in ganz Norwegen bietet die Fluglinie Widerøe.

LOFOTEN.
Die Lofoten sind eine Inselgruppe vor der Küste Norwegens, bestehend aus etwa 80 Inseln die etwa 100 bis 300 km nördlich des Polarkreises im Atlantik liegen und vom Festland durch den Vestfjord getrennt sind. Die Inselgruppe liegt zwischen dem 67. und 68. Breitengrad und grenzt sich nordöstlich durch den Raftsund von der benachbarten Inselgruppe der Vesterålen ab. Die wichtigsten Inseln sind durch Brücken oder Tunnel miteinander verbunden.
Der warme Golfstrom macht das Klima auf den Lofoten viel milder, als es in anderen Gegenden auf der Welt ist, die soweit nördlich liegen, z.B. in Alaska oder auf Grönland. Januar und Februar sind die kältesten Monate mit einer Durchschnittstemperatur von -1 Grad. Die Gipfel sind nur bis zu 1161 METER hoch, dafür sehr markant und kleinräumig. Die Fjorde sind tief eingeschnitten und die Skitouren traumhaft abwechslunsreich. Vom breiten Hang bis zum engen Colouir ist alles zu finden. Zum Ende der Saison im Mai wird es fast nicht mehr dunkel und die Tage sind knapp 20 Stunden lang.

SAIL NORWAY.
Sail Norway hat eine Flotte von 6 Booten. Die Gründer der Firma fungieren auch als Skipper und Guides. Bei Sail Norway steht das Segeln im Vordergrund und alle Gäste werden in die täglichen Abläufe eingebunden.

www.sailnorway.com

ONLINE.
Weitere Informationen:
www.visitnorway.de
www.lofoten.info

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