34 ANDEN Bergstolz Ski & Bike Magazin • 07/2024 Der Reiz der Gegensätze: Natur und Kultur Mein Herz pocht, als meine Steigeisen durch die dünne Schneeschicht brechen und auf blankes Eis treffen. Mit aller Kraft zwinge ich mich, drei weitere Schritte zu gehen, bevor ich erschöpft an der Wand innehalte und nach Luft schnappe. Der Schwindel lässt nach, ebenso die pochenden Kopfschmerzen. Mein Blick wandert die scheinbar endlose Wand hinauf zum Gipfel. Seit der letzten Pause habe ich kaum 15 Meter zurückgelegt. Wenigstens sind die Magenkrämpfe verschwunden – das Antibiotikum scheint zu wirken. Was mache ich hier bloß? Vor zehn Tagen kamen wir in La Paz an. Einer pulsierenden Großstadt auf über 3.600 Metern Höhe. Es roch nach Gewürzen und gebratenem Fleisch, Cholitas boten am Straßenrand ihre Waren an, Minibusse rasten durch die engen Gassen, und Straßenhunde dösten träge im Schatten. Die erste Woche verbrachten wir damit, uns mit Wanderungen auf die umliegenden Berge an die Höhe zu gewöhnen und unsere Mägen auf die lokale Küche zu gewöhnen. Durch einsame Täler, vorbei an verlassenen Mienen, verfolgt vom kritischen Blick der Lamas stiegen wir zur Akklimatisation auf mehrere Berge über 5.000 Meter. Nach zehn Tagen fühlten wir uns bereit für die richtig hohen Berge und peilten den Huayna Potosi mit seinen 6.088 Meter an. Unser lokaler Skiguide Sergio führte uns zunächst durch goldene Grassteppen, in denen Lamaherden weideten. Schließlich schleppten wir die Ski über Felsen und Geröll auf 5.200 Meter zur Gletscherkante, wo endlich ein wenig Schnee lag. Jetzt stehen wir, auf den Frontzacken unserer Steigeisen balancierend, in der Südwand. Trotz meiner Beschwerden zwinge ich mich, in Zeitlupe weiterzugehen. Endlich erreiche ich den schmalen Gipfel. Keuchend setzen wir uns hin, bis ein Wolkenfenster die Abfahrt erlaubt. Zunächst zögerlich und unsicher auf den Kanten im harten Schnee und Eis beginne ich die Abfahrt. Anfangs in kantigen Schwüngen, doch dann wächst das Vertrauen und bald gleite ich in fließenden, harmonischen Kurven ins Tal. Die Freude über die erste gelungene Abfahrt steht uns allen ins Gesicht geschrieben. Doch schon beim nächsten Vorhaben vergeht uns das Lachen. Die furchteinflößende Steilwand des Condoriri-Massivs steht auf dem Plan. Wir werden in strömendem Regen am Ende der Straße abgesetzt und wandern kalt und durchnässt, schwer beladen mit Ski- und Filmausrüstung, zum Basecamp – einer baufälligen Hütte mit schäbigen Matratzen auf dem Boden. Wir sind einfach nur froh, dem Unwetter entkommen zu sein, und bereiten unsere Trekkingmahlzeiten zu. Leider haben nun Vali und Paul starke Magenprobleme und müssen die ganze Nacht über nach draußen rennen. Die Lage wird kritisch, als unser letztes Toilettenpapier aufgebraucht ist. Mascht und ich brechen deshalb allein zum Gipfel auf. Über endlose Geröllhänge, die unsere leichten Trailrunningschuhe richtig malträtieren, steigen wir zum Gletscher hoch, wo wir endlich die Ski anlegen. Als wir in die Wand einsteigen, merken wir, dass der gestrige Regen den Schnee in eine harte Eisschicht verwandelt hat. Unmöglich zu fahren – wir müssen enttäuscht wieder absteigen. Unser letztes Ziel in Bolivien ist auch das ambitionierteste: der 6.074 Meter hohe Chachacomani, welcher nur mit einem dreitägigen Fußmarsch zu erreichen ist. Informationen über die auf Karten vielversprechend aussehende Südwand sind rar. Als wir nach einer holprigen Autofahrt am Fuss der Berge unsere Träger und Maultiertreiber treffen, wird uns die Schattenseite unserer Expedition bewusst: Seit der Zerschlagung des Inkareichs durch Francisco Pizarro im 16. Jahrhundert kamen die Europäer hauptsächlich als Eroberer nach Südamerika. Gipfelnamen wie
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