Bergstolz Issue No. 134

37 GÖLL OST Das kostet Zeit. Wir stehen also an derselben Stelle wie damals, als mir der Göll eindrucksvoll seine Stärke demonstriert hatte, und überlegen. Im Team sollten Entscheidungen niemals reine „Ich-Entscheidungen“ sein. Das Ego kann allein handeln – in der Gemeinschaft sollte Raum für Verantwortung sein, nicht für Egoismus. Wir schauen uns an, diskutieren auf Augenhöhe, für und wider. Vielleicht wären wir, wenn wir ohne Kamera unterwegs gewesen wären und dadurch viel schneller durch die Wand hätten steigen können, ganz rauf gegangen. Wir wissen es nicht. Aber die Einfahrt wird voller zugedeckter, kleiner „Minen“ sein, es war ein schneearmer Frühling, der obere Bereich ist immer abgeweht und sehr „sharky“. Es würde eher einem vorsichtigen Abrutschen und Queren als einem genussvollen Skifahren gleichen. Die Engstelle wird vielleicht für den Ersten und Zweiten gut passierbar sein, für die anderen ein mühsames Unterfangen. Auch der Faktor Zeit, es ist bereits später Vormittag, spricht in vielerlei Hinsicht für ein Umdrehen. Für uns geht es nicht um den Gipfel, sondern um kluge Entscheidungen, und Umdrehen gehört dazu. Im Team entscheiden wir uns also gegen den Gipfelerfolg und für unser Bauchgefühl. Wer kennt das nicht: Unverspurte 1.000 Tiefenmeter, die auf einen warten. Tiefer, kalter Pulverschnee, der in der Sonne wie tausende Diamanten glitzert – und die erste Linie. Die bekommt natürlich Heli, der die Aufstiegsarbeit verrichtet hat. Jeder tiefe Atemzug, jeder Schwung hinterlässt ein Gefühl, das man sonst kaum irgendwo findet: dieses unbändige Hoch, die pure Präsenz im Moment, Glücks- gefühle, Freiheit – ein Durchströmen der Endorphine, die diese Göll-Ost-Befahrung in uns auslösen. Die Weite der Wand bietet Platz für mehr als nur eine erste Linie. Und so kommen wir alle in den Genuss des Unverspurten. Bei diesen Premiumbedingungen bin ich diese Abfahrt noch nie gefahren, vielleicht werde ich die Göll-Ost auch nie wieder so gut erwischen. Wer weiß. Das Gefühl und die intensiven Momente bleiben verankert, der nicht erreichte Gipfel ist schnell vergessen. Denn bei solchen Unternehmungen zählen der Weg nach oben, das Abenteuer mit Freunden und der unbeschreibliche Genuss der Abfahrt; der Gipfel selbst ist schließlich nur ein kurzer Augenblick.

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