No. 138

29 PERU Jahrzehnte zuvor war Chantriaux allein durch die Südwestwand abgefahren. Zunächst stellt sein Name alles infrage, was ich glaubte, dass wir gerade geschafft hatten. Dann finde ich Fotos. Einst teilte ein gewaltiger, überhängender Sérac die Wand. Das Eis ist heute kaum wiederzuerkennen. Passagen, die Chantriaux kannte, sind verschwunden, andere sind entstanden. Welchen Weg auch immer er damals durch seinen Artesonraju gefunden hatte – diese Wand existiert heute nicht mehr. Doch zu wissen, dass er bereits dort gewesen war, löst etwas Unerwartetes in mir aus. Es nimmt mir nicht das Gefühl, etwas entdeckt zu haben. Im Gegenteil: Ich fühle mich ihm verbunden. Jahrzehnte voneinander getrennt hatten wir beide auf diese Wand geblickt, ohne die Antwort zu kennen und waren hinaufgestiegen, um eine zu finden. Mit Chantriaux selbst konnte Elias darüber nicht mehr sprechen. Der französische Skialpinist war einige Jahre zuvor verstorben. Auch seine genaue Linie lässt sich heute nur schwer rekonstruieren, da die Aufzeichnungen darüber nicht detailliert genug sind. Sicher ist für Elias jedoch: Die Südwestwand sah damals grundlegend anders aus. Der Gletscher hat sich in den vergangenen 46 Jahren so stark verändert, dass die Linie, die Marco und Elias gefahren sind, zu Chantriaux’ Zeit in dieser Form überhaupt nicht existierte. Als Kind war es mir egal, ob vor mir schon jemand über die Klippen geklettert war, die ich rund um Åland erkundete. Sie waren unbekannt, weil ich sie noch nicht kannte. Irgendwann wurde das mit dem Entdecken komplizierter. Wir kartieren Orte, dokumentieren Erstbegehungen und Erstbefahrungen, sammeln Wissen und verwandeln Orte nach und nach in Dinge, von denen wir glauben, sie bereits zu kennen. Ich war nach Peru gereist, weil ich hoffte, etwas Neues zu entdecken und diese Entdeckung mit nach Hause zu nehmen. Stattdessen kam ich mit der Erkenntnis zurück, dass ich vielleicht nur eine Idee wiederentdeckt hatte, die unzählige Menschen vor mir ebenfalls schon gefunden hatten. Vielleicht liegt das eigentliche Privileg darin, neugierig genug zu bleiben, um die Welt mehr als einmal zu entdecken.

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