Bergstolz Issue No. 83
16 IRAN Bergstolz Ski & Bike Magazin • 03 | 2019 Mir dröhnt der Kopf, als der Taxifahrer wild hupend in den Stadtverkehr einfädelt. Zwei Bikebags drücken von hinten in meinen Rücken. Ein Wunder, dass sie überhaupt rein- passen in den gelben Saipa. Wir stauen uns durch den Feierabendverkehr der 11-Millionen-Metropole Teheran. Hier fährt man auf Kontakt. Es gibt drei Spuren - genutzt werden fünf. Im Hotel angekommen treffen wir Michel, unseren Schweizer Guide. Er hat unseren Trip recherchiert und einen sehr präzisen Schweizer Zeitplan für uns er- stellt. Andrew, Martin und ich fühlen uns sicher. Michel‘s Plan hört sich gut an: Ein paar Tage Teheran, dann in die Berge rund um Iran’s Hauptstadt, einenAbstecher ins Ski- gebiet, schließlich von dort nach Norden bis zum Kaspi- schen Meer und zum Abschluss in die Wüste. Das hört sich gut an! Entspannt schlürfen wir im Schneidersitz den letzten Tee mit Zucker aus dem Glas, als Michel uns of- fenbart, dass er am nächsten Tag abreisen muss. Hassan, unser lokaler Guide, übernimmt. Okay! Andere Länder, andere Sitten - wir sind gespannt. Es ist Freitag. Der Tag, der im Iran der Sonntag ist. Alle haben frei. Und scheinbar alle gehen biken. Zumindest alle, die ein eigenes Bike haben. Und gefühlt starren all diese Mountainbiker auf mich und meine Tubeless-Reifen, die nach dem Flug einfach nicht wieder ins Felgenbett springen wollen. Auf die Frage “Hello, how do you like Iran?” fällt mir grad nicht viel ein, ich fühle, wie mir der Schweiß von der Stirn rinnt, während ich wie ein Blöder Luft in die Dinger pumpe. Dann erscheint unser Guide Hassan: Etwa 1,70 Meter groß, durchtrainierte Waden, sportliche Frisur. Er ist iranischer MTB-Nationalcoach. Braungebrannt von der iranischen Sonne erzählt er in eher schlechtem Englisch, dass er auch Mechaniker ist. Aus seinem Saipa – so heißt eine iranische Automarke – holt er einen kleinen 12 V Kompressor raus. Meine Rettung! Mittlerweile sind wir von etwa vierzig Mann und Frau umringt. Ja, auch Bikerinnen. Die Frauen hier fahren lang-lang, da der Staat ihnen Kopfbedeckung und lange Kleider vorschreibt, während wir uns den sommerlichen Temperaturen hingeben und mit Bikeshorts antreten. Leider kann auch Hassan`s Kompressor nicht helfen. Freerider Taja hat das Problem erkannt und spendiert mir zwei CO-Kartuschen. Sofort hüpfen die widerspenstigen Gummiwalzen wieder in ihr Bett. Endlich können wir starten. Es geht durch den Teheraner Stadtpark am süd- lichen Stadtrand. Erst auf Asphalt, dann auf Schotter und ganz bald auf Singletrail bergauf. An großen Militär- anlagen vorbei klettern wir langsam Höhenmeter für Höhenmeter. Hassan sagt: “Better no photos please!” Das Militär könne uns sonst als Spione verhaften. Das wollen wir lieber nicht. Die zusammengewürfelte Gruppe zieht sich auseinander. Alle hier sind sehr interessiert an unserer Meinung über ihr Land. Leider können wir noch nicht viel sagen, wir sind ja gestern erst gelandet. Außer dass der Untergrund sandig und staubtrocken ist, aber die Traktion gut. An der ersten Rast können wir die Aussicht genießen. Um uns herum viele karge Hügel, mit einigen Trails und Wegen. Soweit das Auge reicht, wüstenähnliche Landschaft; kein Grün weit und breit. Die Routenführung ist unklar, jetzt wird es steil.Wir keuchen dem Gipfel entgegen, bringen – oben angekommen – vor lauter Atemnot kein einzigesWorte raus. DieAussicht ist spektakulär. Von hier oben sieht man ganz Teheran. Verbaut bis zum Horizont, sieht die Stadt aus wie ein großer Siedlungsteppich, der über das Tal gelegt wurde, umrahmt von hohen Bergen. So liegt die 14-Millionen- stadt unter uns, heute sogar mal ohne Smog. “Very very luck”, sagt Hassan. Normalerweise sei der Himmel nicht blau, sondern braun, erklärt unser Guide in ge- brochenem Englisch. Hier oben teilt sich unsere Gruppe auf. Der Großteil nimmt die einfachereVariante ins Tal. Hassan schlägt uns die Trailvariante vor. Ein guter Tipp. Genau das richtige Gefälle zum Einrollen mit viel Panorama, dann wird der Schmalspurweg steiler, gespickt mit ein paar technischen Steinpassagen, der Boden ist hart und staubig, aber bie- tet dem Stollen gute Traktion, in den Kurven sind ein paar kleineAnlieger, die Halt geben, sowie der ein oder andere Gegenanstieg fürs Herzkreislaufsystem. So geht es für die nächste Stunde dahin bis wir wieder im Verkehrschaos der großen Stadt landen. Schah-Nostalgie mit lila-farbenen Ski-Gondeln Dizin ist ein Skigebiet, erbaut in den 70er-Jahren. Damals hatte der Schah noch das Sagen im Iran. Dementspre- chend vertrauenserweckend sehen die Gondeln dieser Epoche aus. Wie kleine bunte Ostereier hängen sie am Seil. Immerhin sind sie in modernem Lila lackiert, der Chef persönlich schaltet sie sogar extra für uns ein. Schwerelos schweben wir schnell über die 3000-Meter-Marke. Hier im Elbursgebirge gibt es ein paar Gipfel, die an der 4000- Meter-Marke kratzen. Sofort denke ich an die ungeahn- ten Powdermöglichkeiten, die man hier wohl im Winter hätte: Weite Hänge soweit das Auge reicht. Aber ob es hier Trails gibt? Andrew und ich schießen auf einer alten Passstraße Richtung Tal. Trails? Fehlanzeige. Allerdings bezeichnet der Begriff „Straße“ im Iran nicht das, was wir unter „Straße“ verstehen. Grobes Geröll wechselt sich mit griffigem Lehmboden ab und löst bei uns in den schnellen Kurven sogar laute Freudenschreie aus. In die- ser Höhe ist es schon bitterkalt und sobald die Sonne hin- ter den Bergen versinkt, braucht es etwas Warmes. Entweder Daune oder eine warme Suppe und einen Tee. Besser alles zusammen.“Ash” heißt das Nationalgericht, es wird fast überall serviert und ist ein großer vegetari- scher Suppentopf, der über dem offenen Feuer brodelt. Hassan bestellt für uns. Schmeckt gut und tuuuuut gut. Ich wache auf einem unglaublich schönen Perser-Teppich auf. Der Rücken schmerzt zwar, doch mein Daunenschlaf- sack war eine guteWahl. Nachts wird es in Irans Bergen empfindlich kalt. Unsere Unterkunft ist ein Haus ohne Betten, lediglich ausgestattet mit Teppichen. Das ist hier normal. Alle liegen einfach auf dem Boden – Massenla- ger-Feeling à la Alpenvereinshütte mal anders! Wir ma- chen uns nur einen schnellen Tee und starten. Über 1000 Höhenmeter “Hike a Bike” stehen als Frühsport auf un- serem Plan. Weiter oben in der Sonne wollen wir früh- stücken. Wir tragen und schieben unsere Bikes durch einen mystischen Wald. Morgendliche Nebelschwaden
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