Bergstolz Issue No. 83
IRAN 17 weichen langsam dem einfallenden Sonnenlicht, die Bäume sind dünn, aber ganz dicht und grün von Moos bedeckt. Einige Blätter sind schon herbstlich goldig ver- färbt. Je weiter wir uns hochquälen, desto lichter wird derWald, bis wir wieder aufsteigen können. Hassan fährt voraus,Andrew und ich folgen. Mit der Höhe ändert sich auch dieVegetation, wir pedalieren zwischen großen Bu- chen und grünen Blättern hindurch. Plötzlich ist es so grün wie wir es niemals im Iran vermutet hätten. Obwohl sich der Trail bergauf durch die Bäume schlängelt, haben wir eine Menge Spaß, und fighten um die Pole Position, bis plötzlich zwei riesige Köter den Weg versperren. Wir schauen nach oben und sehen zwei Schäfer beim Frühstücken in der warmen Sonne. Die Hunde gehören zu ihnen. Ein Pfiff von oben und die Viecher sind ganz zahm. Die Berghirten haben hier oben ihr Quartier auf- geschlagen, so wie wir es machen wollten. Wie selbst- verständlich dürfen wir mitessen und Teetrinken. Hassan übersetzt: „Very friendly people”. Indeed! Es gibt Fla- denbrot, frischen Käse, selbstgemachten Honig und etwas Gemüse. „Very good”! Merci. Wir brechen auf zum Gipfel, die Hunde bleiben unsere Begleiter. Die letzten Meter müssen wir Bike-Bergsteigen. Hier oben sind keine Bäume mehr, es ist karg. Ein paar Hütten stehen am Fuße des Gipfels. Oben angekommen pfeift uns derWind um die Ohren. Eine Gipfelhütte bietet uns Schutz - und eine spektakuläre Aussicht auf den 5600 Meter hohen Damavand. Er ist der höchste Berg des Orients und schimmert schneeweiß in der Mittags- hitze. Wir freuen uns auf die Abfahrt. Etwas Trialtechnik verlangt das erste Stück mit verblockten Steinpassagen und ein paar Spitzkehren, danach wird es flowig und schnell auf alten Schafspfaden. Immer wieder tauchen Optionen zum Überholen auf. Andrew macht aus seiner Vergangenheit als erfolgreicher Downhill-Weltcupper kein Geheimnis und baut Sprünge ein wo es nur geht. Für mich ist sein Hinterrad wie ein Videospiel, ich muss stets reagieren auf die plötzlich vor meinem Vorderrad erscheinenden Steinblöcke. Später imWald wird es noch- mal spannend, denn die dem Herbst zum Opfer gefalle- nen Blätter am Boden machen die Spurwahl schwierig und stellenweise ist es unter der Laubschicht verdammt glitschig. Hassan hatte schon angekündigt: „Singletrack very beauty!” Er hatte nicht zu viel versprochen. Noch ewig können wir die Kurven imWald geniessen, die wir am Morgen hochschieben mussten. Abends kommen wir am Kaspischen Meer an.Am Strand treffen wir auf Hassan‘s Bike-Freunde.Als Nationalcoach scheint er das ganze Land wie seine Westentasche zu kennen – zumindest weiß er, wo die besten Trainingsre- viere liegen. Am Lagerfeuer besprechen wir den Plan für den nächsten Tag. DaAlkohol im Iran strengstens verbo- ten ist, trinken wir mal wieder Tee statt Bier. Der Begriff „Kaspisches Meer“ ist eigentlich ein Trugschluss; unab- hängig davon müssen wir natürlich überprüfen, ob der größte Binnensee derWelt tatsächlich Salzgehalt hat: Gar nicht mal so kalt und in Anbetracht der Tatsache, dass die Duschsituation noch unklar ist, fühlt sich das ganz gut an. Wir lassen uns am Feuer trocknen. Unser Trail Highlight steht am nächsten Tag an. Bei den Erzählungen von Hassan’s Kumpels Mohammed, Mehed, Tehali und Behzad zappeln Andrew und ich wie kleine Kinder vor Vorfreude – vielleicht liegt es aber auch am Tee. 16 km Singletrail, nur bergab lautet die Ansage - da kann man schon mal hibbelig werden. Hassan schläft draussen, doch mitten in der Nacht kommt er zu uns auf den fliegenden Teppich. Es hat zu regnen begonnen. Am nächsten Morgen schauen alle wie bedröppelte Pudel aus der Wäsche, denn es regnet draussen wie aus Eimern. An den Traumtrail ist heute nicht zu denken. Und unser Zeitplan ist eng, deshalb ent- scheiden wir uns, in Richtung Wüste weiter zu fahren, um dort unser Glück zu versuchen. Hassan‘s Downhill-Teamfahrer Taheli und Behzad beglei- ten uns. Voll motiviert wollen sie uns ihr Land von der besten Seite zeigen. Das machen überhaupt alle Iraner gerne, sie haben immer Zeit für einen kurzen Plausch: Where are you from? Do you want tea? Bayern Munich? Borussia Dortmund? Götze? Selfie? Immer in der Rei- henfolge. Auf demWeg in dieWüste stoppen wir an einem lokalen Downhilltrack.Weite, baumfreie Hänge bieten viele völlig unterschiedliche Lines. Einmal mehr sind wir beeindruckt von den Trails, ebenso von der Landschaft. Hassan ist ex- trem stolz, dass es uns gefällt. Für ihn ist dieser Landstrich sein persönliches „Rampage-Pendant“: „Like Utah – don’t you think?” In der Wüstenstadt Kashan treffen wir zum ersten Mal auf Touristen. Davor war unsere Visite wie ein Besuch in
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