Bergstolz Issue No. 91

16 HONG KONG Bergstolz Ski & Bike Magazin • 06 | 2020 Das letzte Mal, als Hans und ich nach Hong Kong flo- gen, landeten wir noch am alten internationalen Flughafen Kai Tak: Vom landenden Flugzeug aus hätte man die Wäsche der Bewohner auf ihren Bal- konen berühren können. Heute schwebt man auf der eigens dafür aufgeschütteten Insel in Chek Lap Kok ein. Hans hätte am liebsten gleich losgelegt, aber er musste sich noch bis zum nächsten morgen gedul- den, um aufs Bike zu steigen. Der erste Tag sollte dem Tin Man Trail in den New Ter- ritories gehören. Von Hong Kong Island und Kowloon aus besiedelten die Einwohner bald das gesamte Ge- biet, im Norden bis zur Grenze an das chinesische Festland und im Süden bis hin zu den Inseln Lamma und Lantau. Heute leben 7,5 Millionen Menschen im Großraum Hong Kong – und davon die Hälfte in den New Territories. Hans hatte geplant, ein paar der dortigen Trails zu fahren, beginnend bei Tai Mo Shan, der bis auf 957 Meter Seehöhe führt. Für diesen Zweck holte er sich Tiger mit ins Boot: Ein Local, der mit Hans’ Videos groß geworden ist. Tiger fährt Rennen und führt eine kleine Bike-Werkstatt aus seiner Wohnung heraus. Er zeigte Hans ein Netzwerk aus gebauten Strecken, von Tai Mo Shan nordwärts und in Richtung Westen auf dem Ho Pui Contour Trail bis ans chinesische Fest- land. Es bleibt genug Zeit, um die eindrucksvolle Landschaft zu bewundern: Die Strecken schlängeln sich durch subtropische Vegetation, Wälder exoti- scher Pflanzen oder Bambusmangroven, queren Flussläufe und bieten Ausblicke auf Wasserfälle. Hans und Tiger beendeten ihre gemeinsame Ausfahrt im Westen auf dem Tin Fu Tsai, “Tin Man”, oder wie ihn die Locals nennen “Yuen Long Tsai” Trail. Dieser ist der populärste in Hong Kongs Mountainbike Szene, mehr als 1.400 super flowige Tiefenmeter. Am nächsten Tag stand Kowloon mit Martin Maes am Programm. Der riesige Stadtteil, der den alten Flughafen beherbergte, war ein einziges Gewirr aus Gässchen mit kleinen Shops, die billige Elektronik verkaufen und unzähligen Straßenmärkten. Heute ist hier eine neue Welt entstanden: Glitzernde Gebäude motzen die Insel auf, es gibt eine Strandpromenade und die „Avenue of the Stars“. Das Geld folgte und so stehen heute Banken, Versicherungen, elegante Boutiquen und fancy Hotels dort, wo früher arme Leute ihre Wäsche auf den Balkonen vom Flugzeug- wind trocknen ließen. Wir starten am Suicide Cliff, dem wahrscheinlich be- eindruckendsten Aussichtspunkt in ganz Hong Kong. Dort stehend überblickt man im 360°-Panorama die gesamte Stadt und sieht sogar bis nach Shenzhen auf Hong Kong - eine Stadt mit 1.000 Gesichtern

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