Bergstolz Issue No. 91
Tag drei – die Insel ruft! Lantau, südwestlich von Hong Kong, wird mit der Hauptinsel über einen Damm verbunden. Hier befindet sich Disneyland Hong Kong, der neue Flughafen, die Ngong Ping 360 Gondel und Tian Tan, einer der größten Bronze- buddhas der Welt. Was Biker mehr interessieren dürfte: Hier gibt es ein schier unendliches Trail-Netz- werk, das in Zusammenarbeit von IMBA und lokalen Bike Vereinen entstanden ist. Im Zickzack überzieht das Trailnetz die gesamte Insel, wobei sicherlich der kürzlich erweiterte, 18 Kilometer lange Chi Ma Wan Trail das absolute Highlight ist. Am nächsten Tag dann das Großstadtdschungel-Kon- trastprogramm: Wir treffen Nick Dover und fahren mit der Fähre nach Central. Unser erstes Ziel: Der 552 Meter hohe Victoria Peak. Die Gegend hier ist eine der exklusivsten Wohngegenden der Welt. Es ist küh- ler, die Aussicht atemberaubend und direkt vor einem breiten sich das Meer und die Inseln vor der Küste aus. Der Berg selbst ist unglaublich steil und ein wahrer Dschungel. Schon alleine deshalb nehmen die meisten die Bahn nach oben. Bergab und zurück in die Stadt gibt es aber keine Alternative zum Bike: Hans und Martin nahmen alles an Stiegen mit, was sie finden konnten. Wir fahren durch einen weiteren Straßenmarkt, in dem das Essen so frisch ist, dass uns die Langusten noch lebendig auf die Füße springen. Der ihr innewohnende Gegensatz wurde niemals in Hong Kong so deutlich wie hier: Gerade noch hatten wir von den Milliardärsanwesen am Victoria Peak he- runter geblickt auf die blitzenden Wolkenkratzer, und nur einen Moment später befinden wir uns auf der Hollywood Road mitten in der Menge, die über den Preis von Fischköpfen verhandelt. Und doch – es wäre seltsam, eine Story über Hong Kong im November 2019 zu schreiben und die seit Monaten anhaltenden Proteste nicht zu erwähnen. Nick ließ uns schon gleich nach unserer Ankunft eine App installieren, die uns anzeigte, wo die Unruhen gerade im Gange waren. Diese App war immens hilf- reich, konnten wir doch so diejenigen Gebiete um- gehen, in denen zum Beispiel der öffentliche Transport lahmgelegt war. An diesem Tag jedoch half uns auch die App nicht: Nach einem schnellen Abendessen wollten wir zu- rück ins Hotel aufbrechen, als wir regelrecht überrollt wurden. Pflastersteine flogen, Mülltonnen und Bäume wurden umgekippt. Maskierte Menschen mit Regenschirmen machten urplötzlich kehrt und fingen an, in unsere Richtung zu rennen: „Lauft, lauft!“ Bevor wir überhaupt realisierten, was passierte, hat- ten wir den stechenden Geruch des Tränengases schon in Augen, Rachen und Nase. So surreal es sich in diesem Augenblick anfühlte, sich zwischen den bewaffneten Polizeibeamten und der singenden und schreienden Protestbewegung zu be- finden, so furchterregend war es auch. Trotz zer- schmetterter Schaufenster und kreischenden Sirenen gingen andere Menschen in Ruhe joggen oder saßen in Cafés, einer balancierte einfach weiter auf seiner Slackline. Was für eine Wohltat, dass wir am Finaltag nochmal das komplette Gegenteil genießen durften! In Aber- deen Harbor engagieren wir einen lokalen Fischer, um uns in einem Sampan über den Lamma Kanal nach Pichic Bay auf Lamma übersetzt. Im Zielhafen schon wieder eine neue Welt: Bunte Häuser und Cafés thronen auf Stelzen über dem smaragdgrünen Wasser, überall sind kleine Fischerboote an den Ste- gen zwischen den Pfahlbauten angebunden. Die kleine Insel ist außerdem vollkommen autofrei. Andy, der auf Lamma wohnt, wartet schon auf uns, um Hans und Martin die Trails der Insel zu zeigen. Diese mäandern über die ganze Insel. Sie sind viel- leicht weniger professionell angelegt und instandge- halten als das Wegenetz auf Tin Man oder Lantau, aber dafür gelten die Trails auf Lamma als die Hong Konger Original MTB-Trails. Eine Handvoll lokaler Bike-Enthusiasten hat die wild wuchernde Vegeta- tion etwas gestutzt und Trails gebaut. Führen sie ein- mal aus dem Dschungel heraus, so geht’s abwechslungsreich von atemberaubenden Aussichts- punkten über kleine Dörfer bergab. Hans und Martin gabeln ständig lokale Rider auf, die sich auf dem Weg zurück nach Sha Po Old Village die Chance auf einen Run mit den Pros keinesfalls entgehen lassen wollen. Die Fähre legt wieder im Hafen an. Menschen im Business-Outfit strömen aus dem Schiff, nur um sich am Anlegesteg ihr Bike zu schnappen und nach Hause zu radeln. Es schien uns ein unvereinbares Bild zu sein, diese Menschen in Anzügen und Kostü- men, die radelten, anstatt Luxusautos zu fahren, hier war das allerdings völlig normal. Wir lassen dieses ruhige Paradies hinter uns und besteigen unsere letzte Fähre dieses Abenteuers… Am Abend sehen wir der blutroten Sonne zu, wie sie über dem südchinesischen Meer versinkt. Wir feiern unsere gelungene Trans Hong Kong und diskutieren die Faszination dieser Stadt. Vielleicht ist es die Tat- sache, dass hier Städte und Bezirke vollkommen un- terschiedlichen Charakters räumlich förmlich ineinander gewachsen sind, ihre Persönlichkeit aber stets unterscheidbar und eigenständig blieb. Viel- leicht ist es die unangestrengte Verbindung von Tra- dition und Moderne. Vielleicht ist es aber auch einfach die Schönheit der Landschaft und Natur, die – wo immer man sich auch in Hong Kong befindet – immer nur einen Katzensprung entfernt ist. HONG KONG 18 Bergstolz Ski & Bike Magazin • 06 | 2020
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