Bergstolz Issue No. 98
26 PETIT COMBIN Bergstolz Ski & Bike Magazin • 05 | 2021 Rückblende Herbst 2015. Ich war in den Bergen unterwegs und traf Daniel Coquoz, einen befreundeten Bergführer. Gegen- über von uns erhob sich majestätisch der Petit Combin in all seiner Pracht mit seinen 3.663 Metern, als Daniel die Idee aufbrachte: „Man müsste da echt mal mit dem Mountainbike rauf! Mehr brauchte es nicht, um meine Begeisterung zu entfa- chen – die Basis für unser Projekt stand.Was uns noch über- haupt nicht klar war, war, unter welchen Voraussetzungen und mit welchen Mitteln wir das durchführen könnten. Im darauffolgenden Frühjahr unternahmen wir unsere erste Er- kundungstour – auf Tourenski. Die war dazu gedacht, ein- zelne Passagen, den Schnee, die Gletscherspalten und ganz allgemein die Möglichkeit oder Unmöglichkeit des Projekts zu prüfen. Zurück im Tal standen alle Ampeln auf grün – dennoch wussten wir nun, dass wir dieses Abenteuer nur bei perfekten Bedingungen angehen konnten. Um mit den Bikes auf dem Schnee überhaupt fahren zu können, müsste der hart sein, sowie über Nacht zusätzlich gefroren, aber auch wieder nicht zu eisig auf der Oberfläche. Das scheinbar Unmögliche wird konkret Fünf Jahre zogen ins Land, und jedes Frühjahr war es das- selbe Spiel: Wir analysierten die Bedingungen regelmäßig, um das optimale Wetterfenster zu erwischen. Alles schien unter Dach und Fach und das gesamte Projekt harrte nur mehr seiner Durchführung. Allerdings: Schneebedingungen, die unterschiedlichen Projekte der einzelnen Beteiligten und meine verschiedenen Auslandsaufenthalte waren nicht zu- sammenzubringen, und so verschoben wir den Petit Combin ein ums andere Jahr… Fünf lange Jahre später, Frühjahr 2020. Der gesamte Erdball dreht sich um Covid-19. Und unser Projekt wird endlich Rea- lität! Dieses Projekt, das ich schon fast als unmöglich in die Schublade gelegt hätte, konkretisiert sich plötzlich – in die- sem Fall muss ich zugeben, dass die Corona-Krise für mich nicht nur Schlechtes gebracht hat. Nach Jahren der Planung, Vorbereitung und Diskussion – und mit ehrlicherweise deut- lich weiter entwickeltem Material – kristallisierte sich he- raus: Von meinem Heimatort Châble sollte es per E-Bike auf den 3.663 Meter hohen Petit Combin gehen – ich wollte ein wahrhaft episches Abenteuer erleben! So brauchte es auch nicht viele Überlegungen bezüglich meiner Begleitung: Ich lud zwei Freunde und Trainingspartner ein, mich auf den Petit Combin zu begleiten: Jérôme Caroli, seines Zeichens Profi-Downhiller, und Jérémie Heitz, den professionellen Freerider und Alpinisten. Der Trip auf den Petit Combin sollte die 10. Folge meiner Youtube-Serie „Ludo et son vélo“ – zu Deutsch: Ludo und sein Fahrrad – werden. Seit 2013 drehte ich mit dem frühe- ren Skiprofi Nico Falquet die Episoden, die sich im Grunde immer um das eine Thema drehen: Außergewöhnliche Filme über etwas verrückte, einzigartige Ideen zu drehen. Der Petit Combin wird die Videoserie perfekt ergänzen, dachte ich mir. Los geht’s! Wir schreiben den Juni 2020 und befinden uns am Beginn unseres letzten Wetterfensters – und es hat geschneit in den Bergen. Heftig geschneit. Wir sprechen uns nochmals mit Daniel ab und entscheiden schließlich, es zu wagen. Trotz der gerade mal vier Schönwettertage und des Risikos, dass das eventuell nicht genug sein würde für die notwendige Setzung des Schnees, ist es Zeit für den Aufbruch: morgen früh geht’s los! Wir treffen uns in Châble, auf 850 Metern Seehöhe. Mit dabei sind die Kameramänner Nico Falquet und Max Rey, Fotograf Jancsi Hadik, Guide Daniel Coquoz natürlich, plus wir drei Fahrer. Wir kontrollieren ein letztes Mal unsere Aus- rüstung und machen uns auf den Weg zur Cabane Brunet auf 2.100 Metern. Auf der Hütte treffen Jerôme, Jérémie und ich mit unseren E-Bikes auf das Produktionsteam, die mit ihrem schweren Gepäck schon voraus gestartet waren. Sie schleppen sich ab wie die Maulesel, müssen sie ja neben ihrem Kameraequipment auch noch die Ski auf dem Ruck- sack tragen. Die erste Traverse in Richtung des Panossière Gletschers weist einen Höhenunterschied von 550 Höhenmetern auf – und kostet uns sage und schreibe mehr als fünf geschlagene Stunden.Wir beginnen damit, ein paar Szenen zu filmen und für die Kameras hin- und herzufahren. Als wir den Drehtag beenden ist es 18:00 Uhr geworden und wir verziehen uns in unser Nachtlager, die Cabane de Panossière auf 2.641 Metern. Die Welt belohnt uns für unsere Mühen mit einem sagenhaften Sonnenuntergang, den besonders Jancsi für ein paar herrliche Fotos ausnutzt. Eine kurze, durch Schnarcher gestörte „Nacht“ später, läutet unser Wecker um 00:30 Uhr. Es wird Zeit, diesen sanften Traum endlich zu verwirklichen, der seit fünf Jahren in mei- nem Kopf herumspukt. Die Hälfte unserer Truppe fellt die Tourenski auf, wir Fahrer packen unsere Lenker und radeln in die Querung des Panossière Gletschers. Nach nur einer halben Stunde Anstrengung mitten in der Nacht setzt Je- rôme seine Füße in eine Gumpe eiskalten Wassers. Nicht ge- rade die beste Art, um einen Anstieg zu beginnen… Unsere Räder sinken ein, bis zu 15, 20 Zentimeter tief. Es ist der Beginn mehrerer Stunden Schinderei, in der Daniel und Jérémie den Takt vorgeben. Etliche Stunden später hal- ten plötzlich alle an und Jerôme steht barfüßig im Schnee. Seine Füße sind eingefroren. Ich gebe ihm meine wasser- dichten Socken, damit er wenigstens ein bisschen Wärme in den Füßen behält. Höhenmeter um Höhenmeter kämpfen wir uns durch den Schnee bergauf, bis sich schließlich – endlich! – der er- sehnte, magische Moment einstellt: Der Schnee trägt uns! Ich schlage vorsichtig und voller Hoffnung Jérémie vor, auf die Bikes zu steigen. Und tatsächlich: Es klappt! Nur sieben Minuten später haben wir einen 20-Minuten-Vorsprung auf das Filmteam herausgefahren. Daniel fährt voraus und be- reitet eine technische Passage über einen 45° steilen und
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