bergstolz

Freeride Transalp


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Am Anfang stand die Idee. „Wir wollten unbedingteinen einmaligen, unvergesslichen Freeride-Trip organisieren. Jetzt hoffen wir, dass alles klappt“, erklären mir Julia und Felix. Die beiden sind hauptverantwortlich dafür, dass ich zusammen mit 14 anderen Teilnehmern in einem Reisebus Richtung Livigno sitze. Es ist Ende März, aber von Frühling keine Spur.

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TAG 1: VON ZUHAUSE NACH LIVIGNO

Bereits kurz vor der Ankunft konnten wir unseren Augen nicht trauen und scouteten die ersten Lines durch die Frontscheibe. Die Aufregung schlug allmählich in Nervosität um: „Scheiße, das ist echt groß. Alles ist einfach nur groß.“

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Beim Einsteigen in den Bus beginne ich innerlich zufluchen. „Die liftunterstützten, maximal 1.300 hm proTag schaffst du sicher! Außerdem wird das eh ein reiner Mädelstrip“, hatte man mir im Vorfeld erklärt. Da hab ich trotz weniger Skitourenmeter – schließlich musste man im vergangenen Wahnsinnswinter ja auch keinen Meter aufsteigen, um perfekten Pulver zu erwischen – zugesagt. „Wird schon gehen.“ Hier im Bussitzen jetzt eher weniger Mädels und eher mehr Kerle. Denen man ansieht, dass sie jede Menge Höhenmeterin den Beinen haben. Nach ein paar stumm in mich hineingefluchten Fucks versuche ich mich zu beruhigen, zurück kann ich jetzt eh nicht mehr. Die letztenZweifel gehen dann im aufgeregten Kennlernen unter. In Livigno im Hotel angekommen, speisen wir fürstlich und lassen uns das Tiramisu bis zum letzten Löffel auf der Zunge zergehen. An diesem Abend stehen neben italienischem Essen noch auf dem Programm: Einpacken der persönlichen Ausrüstung und Tagesplanung für morgen. Unsere Guides Flo Hellberg, Chris Semmel und Michi Bückers sowie sein Bruder Julian, der die kommenden Tage als Fotograf ca. das fünffache unserer Höhenmeter zurücklegen wird, haben schon den ersten Tag unserer Alpenüberquerung kurzfristig umgeplant: „Die Lawinensituation ist heikel, deshalb werden wir morgen nur ca. 300 hm aufsteigen. Dafür 1.300 abfahren…“ Perfekt, diese Alpenüberquerung beginnt nach meinem Geschmack. Außerdem lerne ich an diesem Abend ein rätoromanisches Wort: Livigno bedeutet nämlich nichts Anderesals Lawine. Nomen est Omen? Na hoffentlich nicht…

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TAG 2: VON LIVIGNO NACH ZUOZ

Es geht los! Voller Energie starten wir mit der Gondelins Carosello 3000 Gebiet und testen unser neues Equipment erstmal bei einem kurzen Pistenrun. Danach wird’s ernst. Chris, Michi und Flo teilen uns in drei Gruppen ein, Julian wird sich mal hier mal dort anschließen und ist unser „Bergführer-Joker mit Kamera“. Der Schnee der vergangenen Tage und der strahlende Sonnenschein bescheren uns einen kurzen,aber umso schöneren Warmup-Run Richtung Val Federia. Der folgende kurze Aufstieg zum Sesselliftsteht unter dem Motto „Spitzkehrentraining“. Während einige mustergültige Ecken in den Schneelegen, probieren andere (zu denen ich gehöre) noch verschiedene Techniken aus. Waagrecht steigen, Skiparallel legen, Kick, weiter. Funktioniert doch!

Mit dem Sessellift geht’s für uns nochmal nach oben, bevor wir uns unterhalb des Monte Cantone und der Punta Campaccio querend endgültig aus dem Skigebiet verabschieden. Lockere 300 hm stehen uns bevor, easy. Denkste! Die Jungs ziehen das Tempo ganz schön an, aber Kaddi und ich sagen nix, versuchen dran zu bleiben. Was wir bis dahin irgendwie über den wenigen Höhenmetern ignoriert haben: Es geht hier auf beinahe 3.000 Meter hoch. Je weiter wir uns dem Grat nähern, den wir bis zum Start unserer Abfahrt entlangwandern, desto stärker bläst uns der Wind ins Gesicht. Mit dem Run weitab irgendwelcher Liftanlagen lassen wir schon das erste unserer drei Länder hinter uns: Von Italien fahren wir in die Schweiz, genauer nach La Punt-Chamues in Graubünden, ab. Diese ersten 1.300 Abfahrtsmeter am Stück geben uns einen ersten Vorgeschmack auf das, was noch kommen sollte. Dass reine Höhenmeter nicht alles sind, wird mir an diesem Tag eindrücklich eingebläut: Am Ende der Abfahrt müssen wir nochmals auffellen und durch ein laaanges flaches Tal bis zu unserem Pick-Up laufen. Erst gefühlte drei Stunden später lassen wir uns allesamt im Castell, unserem burgähnlichen Hotel in Zuoz, in dem sogar die Anhänger der Zimmerschlüssel Schlossgespenster sind, in die tiefen, gepolsterten Bänke der Hotelbar sinken und bestellen 15 Kübel. „Entschuldigen Sie bitte,“ kommt die Bardame zurück, „darf ich Ihnen auch Stangen bringen? Ich habe nur sechs Kübel-Gläser.“ Heute also gleich zwei Sachen gelernt: Höhenmeter sind nicht alles und die Größenangaben schweizerischer Biere.

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TAG 3:VON ZUOZ NACH KLOSTERS

An diesem Morgen ist die Aufregung fast mit Händen zu greifen: Es steht die Etappe mit den meisten Höhenmetern an, ca. 1.200 werden es sein, verteilt auf drei Anstiege. Die allerersten (nicht eingerechneten) 500 hm bewältigen wir erstmal mit dem Lift, den die Bergbahnen Zuoz extra für uns in Betrieb setzen. Wir freuen uns und beneiden die Skitourengeher unter uns, die sich mit Harscheisen auf der gefrorenen Piste abmühen, kein bisschen.

Auch heute ist uns der Wettergott wohl gesonnen: Die Sonne strahlt vom stahlblauen Himmel. Wolken könnten bei dem Wind, der uns auch auf dieser Etappe unablässig ins Gesicht bläst, eh keine aufkommen. Die Belohnung dafür ist das unermessliche Panorama mit seinen unzähligen weißen Gipfeln, das wir schon am Weg zu unserem ersten richtigen Aufstieg des Tages gar nicht ausgiebig genug bewundern können. Alles strahlt blau und weiß, dazwischen reihen wir uns wie auf einer bunten Perlenkette in die Aufstiegsspur. Kaddi und ich haben uns am Vortag gut eingespielt, wir liegen tempomäßig beinander und bremsen Chris und die Jungs abwechselnd ein bisschen ein, wenn’s uns zu schnell wird – bzw. wir eines von ungezählten Fotos machen müssen.

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Unsere erste Landmark für diesen Tag ist eine Scharte in der Nähe des Piz Viroula, durch die wir klettern werden, um auf der Rückseite abzufahren. Unsere Guides stellen uns erstmal in der Sonne ab und graben ein Schneeprofil, danach schicken sie uns einzeln in Spitzkehren nach oben. Die letzten Meter stapfen wir mit den Ski am Rücken, bevor wir auf der anderen Seite wieder ein paar Meter runterklettern. Die erste Abfahrt des Tages wartet mit allem auf, was die Bedingungen hergeben: Feinster Pulver im Schatten und schwerer Frühlingsschnee sobald man in die Sonne kommt. Mein Lernmoment an diesem Tag: Mir fängts den Ski und es stellt mich bei geringstmöglichem Gefälle dermaßen auf, dass ich mich zuerst mal sammeln muss, bevor ich zu den anderen und unserer ersten Jausenstation des Tages abfahren kann. Nix passiert, schnell den Schnee aus der Unterwäsche klauben und weiter geht’s…

Rundum sehe ich nur mehr fettes Grinsen, keiner kann sich gegen den Eindruck der beeindruckenden Bergwelt, der Abgeschiedenheit und der Einmaligkeit dieses Erlebnisses mehr wehren. Besser kann’s kaum mehr werden. Dieser Eindruck beflügelt mich auf dem zweiten Anstieg zu einer Scharte in Richtung Piz Kesch, ich finde meinen Tritt. Kaddi läuft wieder hinter mir her, ich höre geraume Zeit nichts von ihr außer ihr gemurmeltes Fluchen.

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So sehr wir versuchen, unser Gesicht vor dem beißenden Wind zu schützen, so umwerfend zeigt sich das Spiel aus hochgewirbeltem, glitzerndem Schnee, blitzblauem Himmel und den Sonnenstrahlen dazwischen. Richtung Kesch-Hütte, die wir rechts liegen lassen, legen wir einen Group-Shred hin, wie er im Buche steht. Es staubt, wir lachen und schreien vor Glück. Für den letzten Uphill des Tages bin ich guter Dinge, aber diesmal bin ich es, die sich fluchend und schimpfend an Kaddis Skienden hängt. Ich versuche einfach in ihrem Tempo mitzugehen und irgendwie oben anzukommen. Wie meine Stimmung verdunkelt sich das Wetter, die Sonne versteckt sich in den Wolken, das Licht wird flach. Dennoch: Unberührte, pulvrige First Lines entschädigen grandios für die Anstrengung. Wir beenden unseren Tag mit ein, zwei Feierabend-Kübeln in Sertig Dörfli, bevor wir uns in den Bus nach Davos setzen. Unsere Guides schicken uns nach dem wohlverdienten Abendessen mit dem Versprechen ins Bett, dass jetzt die Freeride-Tage kommen werden. Ich träume von weiten, unberührten Hängen im Pulverschnee, die gewaltigen Bilder der Berge wirken nach.

TAG 4: VON KLOSTERS NACH STUBEN

In der Früh bin ich überhaupt nicht beleidigt, dass uns Gondel, Sessel- und Schlepplift Richtung Madrisa hochtransportieren, bevor Flo und Chris ein paar wenige Höhenmeter hinauf spuren. Wir folgen und werden mit der besten Powderabfahrt des Trips belohnt. Wenn ich keine Ohren hätte, dann hätte mein Grinsen wohl rund um meinen Kopf gereicht. Im Zickzack geht’s gleich weiter auf eine kleine Scharte, um die nächsten Tiefenmeter unter unsere Ski zu bringen. Ein wahrlich perfekter Freeride-Tag: Ein paar Höhenmeter bergauf, viele viele Tiefenmeter bergab, und das bei schönstem Winterwetter und ohne dass uns andere Freerider die First Lines nehmen würden. „Wahnsinn. Vollkommen irre!“ Mein Mantra des Tages, ich sage es gefühlt alle zehn Sekunden. Zu mehr Leistung ist mein Gehirn gerade nicht fähig, es versucht die Eindrücke aufzunehmen und abzuspeichern.

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Wir verlassen die Schweiz und betreten österreichischen Boden, was für uns auch bedeutet, dass wir uns dem Ende unseres Trips nähern. Für diese Gedanken bleibt aber gerade keine Zeit, wir genießen jeden Turn, jede Abfahrt in vollen Zügen. Am Weg nach Gargellen holt uns der Frühling ein, der Schnee wird schwer. Frühling? Fühlt sich vollkommen unwirklich an, schließlich haben wir seit Tagen nur weißen, glitzernden Schnee gesehen. Der Bus bringt uns nach St. Gallenkirch, wo wir den Lift hinaufnehmen und die Ski bergab ins Silbertal. Wir hanteln uns in Richtung Arlberg, am Ende laufen wir noch eine Weile, aber das interessiert keinen mehr, wir sind vom Powderglück überwältigt, lachen und plappern: Was für Bedingungen! Wie gut kann ein Freeride-Tag überhaupt sein! Ein Superlativ jagt den nächsten, nicht zuletzt die nackten Zahlen sprechen für sich: Mehr als 40 Kilometer Strecke und mehr als 4.300 Tiefenmeter haben wir an diesem Tag hinter uns gebracht. Wären wir nicht irgendwann angekommen, hätten wir auch noch weitergemacht, das ist sicher.

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TAG 5: VON STUBEN INS KLEINWALSERTAL

Der letzte Tag der Alpenüberquerung führt durch bekanntes Terrain: Von Stuben über Warth ins Kleinwalsertal, einmal über den Arlberg und dann über eine Scharte unterhalb des großen Widdersteins in das Tal, das zwar zu Österreich gehört aber nur über Deutschland zugänglich ist. Offenbar hat sich die zarte Melancholie, die bei uns aufgrund des absehbaren Endes unserer gemeinsamen Reise immer mal wieder kurz hochkommt, auf das Wetter übertragen: Die Sonne lässt sich nicht richtig blicken, das Licht ist flach, die Sicht schlecht. Der Killer für mein Knie. In Warth streiche ich die Segel. Den allerletzten Aufstieg des Trips sowie die allerletzten Powderturns unternehmen die anderen ohne mich. Sie werden das Ende dieser unvergesslichen Reise einmal quer über die Alpen auf der Bärgunt Hütte begießen, bevor wir uns im Hotel treffen und verabschieden.

Am Heimweg überlege ich, was von diesem Freeride Alps Crossing für mich bleiben wird. Lange muss ich nicht nachdenken: Bilder in blau und weiß, die sich in meine Gehirnwindungen gebrannt haben. Die Erkenntnis, dass Höhenmeter nicht alles sind. Und nicht zu vergessen: Bergpanoramen und Ausblicke, die so schön waren, dass ich heute noch kaum glauben kann sie gesehen zu haben.




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