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AT HOME // Zuhause, das ist Chamonix


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Jeder Vater weiß, dass es nur einen Weg gibt, spät abends oder früh morgens aus dem Kinderzimmer zu kommen: Auf Zehenspitzen. Schritt für Schritt und ohne das geringste Geräusch zu machen. Yannick Boissenot, französischer Skibergsteiger und Freerider, ist dieser Moment sehr vertraut. Fast täglich schleicht er am frühen Morgen in das Kinderzimmer, bevor er sich auf die Suche nach steilen Hängen, unberührtem Powder und langen Lines macht. Das Knarzen der Holzdielen und die Versuche, anmutig wie eine Katze zu schleichen, sind sein tägliches Spiel. Die raue Bergwelt rund um Chamonix, der berühmte Ort für Alpinisten und Bergführer in den französischen Alpen, fordert das Gegenteil von ihm. Dort lebt er als Filmemacher, Kameramann und Skibergsteiger. Sein „Arbeitsplatz“ sind die Berge, wo ihn Mut und Ausdauer fordern.

Das Lebensereignis, Vater zu werden, hat seinen Zugang zum Freeriden und zu seiner Arbeit in vielfältiger Weise verändert: Um diesen neuen, intensiven Lebensabschnitt nicht zu verpassen, entschied sich Yannick für die Heimat und gegen das Reisen. Für den 36-jährigen Skibergsteiger ein Novum, er verbrachte die letzten Jahre unterwegs auf der ganzen Welt – dort wo der Winter und die besten Lines zu finden waren. Mit dem Entschluss zuhause zu bleiben, entstand das Projekt HOME. Yannick erzählt in Bildern von seinem Winter zuhause, neuen Lines und Projekten mit Basecamp in seiner Heimat Chamonix. Aufgrund des frühen Saisonendes – Corona traf Frankreich bekanntlich hart – blieben etliche Gipfel für das Projekt bisher unerreicht. Bisher – denn im Winter 2020/21 wird Yannick zusammen mit seinem Freund Julien Herry, ebenfalls Vater, HOME weiterstricken.

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Was sich aber ebenfalls verändert hat, ist seine Herangehensweise an Freeride-projekte. „Die Ziele, Gipfel und Lines sind dieselben wie vor der Geburt meines Sohnes“, erzählt er im Gespräch, „was sich aber verändert hat ist meine Vorbereitung. Ich habe natürlich schon vorher versucht, sicher unterwegs zu sein. Jetzt reduziere ich das Risiko so stark wie möglich. Und eines ist klar: Ich denke sehr viel an meinen Sohn, wenn ich draußen bin.“

Sein Partner auf den meisten Steep Lines, Julien, denkt ähnlich, so ergänzen sich die beiden. Was man auch sehen kann, denn im vergangenen Winter eröffneten sie eine ziemlich engagierte Linie in Chamonix, das Couloir „Boef-Sarah“ auf der Aiguille du Peigne. Unterhalb der Line befindet sich ein 150 Meter hohes Felsband – absolute No-Fall-Zone. Wer sich den Film auf Teton Gravity ansieht, denkt wahrscheinlich nicht, dass ein verantwortungsbewusster Vater ein solches Unternehmen angehen sollte. Aber: „Wir haben die Linie wochenlang studiert, auf die perfekten Bedingungen gewartet.“ Diese Zeit und Möglichkeit hatte er, weil er eben zuhause war und nicht unterwegs. Und eines ist ebenfalls klar: Ein „Nein!“, ein Verschieben oder ein Abbruch fallen ihm seit der Geburt seines Sohnes leichter. „Das hat sich für mich auch verändert: Ich drehe sofort um, wenn ich ein schlechtes Gefühl habe.“

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HOME ist eine Ode an das Zuhause. Und an Chamonix, denn Yannick lebt mit seiner Familie inmitten der höchsten Gipfel Frankreichs am Fuße des Mont Blanc. Als Profi-Skifahrer war er fast das ganze Jahr unterwegs in anderen Bergregionen der Welt. Heute und rückblickend sagt er: „Auf dem Mont Blanc erwartet dich eines der schönsten Berg-Abenteuer der Welt.“ Und ebenfalls weiß er heute zu schätzen, dass dieses Abenteuer direkt vor der Haustür beginnt. „Ich war sehr viel auf Reisen“, berichtet Yannick. „Meine Jagd nach Schnee in der Cordillera Blanca in Peru oder dem berühmten japanischen Powder in Hokkaido und die dafür gereisten tausende von Kilometern habe ich lange nicht hinterfragt. Selbstverständlich ist nicht nur meine Familie ein Grund, diese ständige Bewegung zu verlangsamen, auch mit dem Klimaschutz waren meine vielen Flugreisen nicht mehr vereinbar.“

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Das beste an Chamonix, sagt er, ist, dass man direkt vor der Haustüre Berge findet, auf denen man das gesamte alpinistische Spektrum – Skifahren, Klettern, Mountaineering, Paragleiten, Eisklettern und vieles mehr – ausreizen kann. „Du kannst deinen Tag um 7 Uhr morgens beginnen, auf der Aiguille du Midi ein paar Powderturns in richtig steiles Gelände setzen, am Nachmittag Treeruns fahren und mit dem Gleitschirm in den Sonnenuntergang fliegen. Und“, setzt er nach, „abends zufrieden nach Hause kommen, meinen Sohn ins Bett bringen und meiner Frau bei einem guten Glas Wein von meinem Tag erzählen.“

Zuhause, das ist nicht nur Chamonix für ihn, das sind die Berge, die Atmosphäre und die Kultur, die diesem Ort innewohnen. Für Yannick gibt es keinen besseren Ort auf der Welt als diesen, den er seit 10 Jahren sein Zuhause nennt. „Ich liebe es neue Kulturen, Orte, Berge zu entdecken – aber ich komme gerne heim. Das Reisen war wichtig für mich, denn nur so konnte ich erkennen, wie wundervoll mein Zuhause ist.“

Zuhause, das ist auch seine Familie. Und so zeigt Yannick in seinem Projekt HOME nicht nur die umwerfende Schönheit Chamonix‘: „Meine Frau wird Teil des Films sein. Sie liebt die Berge und kennt sich in den Steep Lines hier ziemlich gut aus. Jetzt, als Mutter, hat sie keine Lust mehr auf richtig harte Sachen, aber sie ist immer motiviert für einen guten Powdertag. Und da es hier nicht so wahnsinnig viele einfache Sachen zu fahren gibt, werden auch ihre Ski-Parts spicy genug…“ Sie ist sein „Partner in Crime“, denn sie versteht seine Leidenschaft, vertraut ihm. Wenn er in der Früh das Haus verlässt weiß sie, dass er abends wiederkommen wird. „Vielleicht versteckt sie ihre Sorge auch gut“, schmunzelt Yannick. Ernst gemeint ist dieser Kommentar allerdings nicht.

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Zurück zum Start: Das Projekt HOME startete Yannick im Herbst 2019 mit dem Ziel, die gesamte Wintersaison lang neue Linien und Wege in seinem Wohnort Chamonix zu entdecken und zu realisieren. „Ich wollte mit dem Projekt zeigen, dass man auch ohne Reisen durch die ganze Welt eine Expedition machen und dabei die gleiche Atmosphäre spüren kann, obwohl man zuhause ist“, erklärt er. „Im Rahmen des Projekts waren wir beispielsweise zwei Tage in den Aiguilles Dorees. Auf dem ersten Teil mussten wir die Arete mit den Skiern auf dem Rucksack durchqueren. Dann haben wir uns ein Base Camp eingerichtet und sind am Morgen die erste Linie der steilen Nordostflanke gefahren und später im Sonnenuntergang die Flanke gegenüber. Diese Tage haben mir gezeigt, dass man nichts aufgeben, sondern umdenken muss. Manchmal reicht es, die Augen zu öffnen und sich die Nähe besser zu betrachten.“

Dieses Filmprojekt – letztendlich soll es eine Kurzdoku werden – ist ihm ein persönliches Anliegen, denn es geht noch um viel mehr als Chamonix und die Berge: Yannick Boissenot will zeigen, dass es die Berge sind, die es ihm ermöglichen, eine Balance im Leben, zwischen Arbeit und Familie, zu finden. Es sind seine heimatlichen Gipfel, in denen er seine Batterien auflädt, um, wie er sagt, zuhause 100% da zu sein, als Vater und Mann. „Ich brauche Zeit beim Skifahren mit meiner Frau. Ich brauche aber genauso auch die Tage mit meinen Freunden, um glücklich zu sein. Und um letztendlich auch zuhause glücklich und ausgeglichen sein zu können und die Verantwortung für meine Familie übernehmen zu können.“

In diesem Winter wird er das Projekt fortführen, gemeinsam mit Julien. Sie haben einiges geplant, das große Abenteuer wird aber in einem Base Camp im östlichen Teil des Mont Blanc Massivs stattfinden: Dort wollen sie mehrere bestehende Lines verbinden, und vielleicht sogar wieder eine neue eröffnen.

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Mit dabei im Plan ist ebenfalls wieder sein Lieblingsberg, die Aiguille Verte mit ihren 4.122 Metern. „Das ist der perfekte Gipfel! Eine tolle Pyramide, und es gibt keinen easy way up“, schwärmt er. Zwei der vier möglichen Lines – Whymper und Couturier - sind Yannick und Julien bereits vergangenen Winter gefahren, die restlichen beiden stehen heuer am Programm – sollten es die Bedingungen zulassen.

Es wird Abend, die Sonne schickt ihre letzten Strahlen ins Tal. Yannick Boissenot, Ski-Profi, Filmemacher, Kameramann, Skibergsteiger, öffnet die Haustüre. Er stellt die Ausrüstung ab, zieht die Skikleidung aus. Begrüßt seinen Sohn und seine Frau. Und ist nur mehr Familienvater und Ehemann. Bis morgen früh, wenn er wieder auf Zehenspitzen ins Kinderzimmer schleicht.

Infobox

// ANREISE
Mit dem Auto (ca. 7 Stunden reine Fahrzeit) über die A96 nach Lindau – Über A14 bis Grenzübergang Höchst – A1/A12 über Zürich und Bern nach Montreux – A9/D1506 nach Chamonix

// UNTERKUNFT
Tourismusbüro Chamonix-Mont Blanc www.chamonix.com

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// YANNIK BOISSENOT
Yannick Boissenots Leben ist das Skifahren. Der Franzose wurde in Les Arcs geboren, auf Skiern stand er das erste Mal mit drei Jahren. In seiner Kindheit verbrachte er viel Zeit mit seinem älteren Bruder. Durch ihn kam er zu der Erkenntnis, dass er die vielen Formen des Kletterns mindestens genauso liebte wie den Schnee. Als Kameramann und Filmemacher hat der Salewa-Athlet den gesamten Erdball bereist.
Sein Palmares umfasst Erstbefahrungen, Eröffnungen von Routen und zahlreiche der bekanntesten Skibefahrungen weltweit.
Als Yannick im Herbst 2019 sein Projekt HOME startete, waren die Covid-19 Pandemie und ihre Folgen und Einschränkungen nicht absehbar. Auch Yannick beendete das Projekt frühzeitig im März 2020. Mit der bewussten Entscheidung, den Winter daheim zu verbringen und die Berge vor Ort zu nutzen, hat sich Yannick unabsichtlich für den zeitgemäßen Weg entscheiden, den in der kommenden Wintersaison viele Wintersportler wählen werden und müssen.




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