bergstolz

Home Resort Riding


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Moinsa // Winter 2019/20: Es sollte der beste Winter ever werden, dessen waren wir uns sicher. Im Februar waren die Prüfungen durch und dann stand nur noch Skifahren und Filmen auf dem Plan. Ideen für die Storyline unseres ersten Skifilmes „Moinsa“ entstanden bei den Uphills auf Mountainbike-Touren genug, jetzt fehlte nur noch der Schnee. Als wir die Story festlegten, konnten wir nicht ahnen, wie aktuell das Thema werden würde: Der Film sollte die Vorteile des Skifahrens in unserem Home Resort Disentis hervorheben und zeigen, warum man nicht unbedingt weit reisen muss. Wir wollten auf SAC Hütten gehen und Locals interviewen.

Im Februar kam dann wenig Schnee in 15-Zentimeter-Schüben mit Wind, sodass Couloirs in Liftnähe die beste Wahl für den ersten Filmtag waren. Erste Aufnahmen im Kasten – Crew happy. Danach warteten wir sehnsüchtig auf den nächsten Schneefall, da für Cliffs die Take-offs noch zu sharky waren.

Dieser kam und mit ihm die Probleme: Am zweiten Filmtag vergaß ich aus lauter Aufregung, meine Jackentasche zu schließen, in der ich Remos Funkgerät verstaut hatte. Erstes Cliff, erste Landung, Funk weg – und ich verbrachte den Rest des Morgens damit, mit dem zweiten Funk klingelnd meine Spur abzulaufen, bis ich das verlorene wiederfand. Als wir uns am dritten Filmtag am Morgen auf dem Bergbahnparkplatz trafen, musste Remo abbrechen, da er aufgrund eines Sturzes in den letzten Tagen nicht in die Skischuhe kam. Es folgten weitere, vergebliche Versuche, weil immer irgendwer krank war. Und schließlich dann im März der Lockdown wegen Covid. Die Skigebiete waren zu, große Lines waren nicht mehr möglich, um kein Risiko auf sich zu nehmen und die Spitäler unnötig zu belasten. Auch die SAC Hütten waren geschlossen und treffen - z.B. für Interviews - konnte man niemanden mehr. Wir ließen uns trotzdem nicht unterkriegen und unternahmen zumindest ein paar flache Soul-Riding-Skitouren. Nach einigem Hin und Her entschieden wir uns dafür, aus dem Material, das wir bereits hatten, etwas zu schneiden und trafen uns für eine letzte Skitour auf den Pizzo del Uomo. Dann war Sommer, irgendwann wurde es Herbst.

Wir hatten einige Filmsequenzen im Kasten und waren zufrieden mit dem Ergebnis. Allerdings hatten wir bei Weitem nicht alle geplanten Spots besucht, und von unserer Story war nicht mehr als ein Gerüst übriggeblieben. Mit dem Eintreffen des ersten Schnees des neuen Winters hatten wir zunehmend das Gefühl, dass wir noch nicht fertig waren mit unserem Home Resort Projekt. Und irgendwann war auch klar, dass wir es auf der Rotondohütte fortsetzen würden.

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Rotondo – We go or we what?

Wie die meisten guten Ideen entstand auch die Idee zu diesem Trip am Abend während eines Biers. Wir wollten steile Couloirs mit hoffentlich gutem Schnee finden. Nach genügend Hopfensirup, Stunden auf Fatmap, einem Screenshot des Stotzig Muttenhorns im Rotondogebiet und mit Insiderinfos von Tof Henry, der Big Mountain Legende aus Chamonix, der an diesem Tag in der Region um Realp auf Scouting-Mission war, fühlten wir uns bereit. Eine bewährte und gut ausgerüstete Gruppe fuhr also am nächsten Morgen mit dem ersten Zug nach Realp und stieg zur Rotondohütte auf. Um für alle möglichen Vorhaben unseres ambitionierten Franzosen gerüstet zu sein, befanden sich in unserem Rucksack neben drei Pack Spaghetti auch Klettergurt, Pickel, Steigeisen etc. Schaut man sich seine Instagram Videos an, musste man ganz klar mit einem «Petit Rappel», einem Abseilmanöver, rechnen.

Die 1.000 Höhenmeter hoch zur Hütte führen über ein angenehm flach ansteigendes Tal entlang der Witenwasserenreuss. Nach 2,5 Stunden erreichten wir den Winterraum und feuerten den alten Holzofen ein, um die erste Portion Spaghetti zu Mittag zu kochen. Das schwere Gepäck spürten wir alle in den Beinen und freuten uns auf die Extrakalorien. Sogar Finn, der momentan in Topform ist, war froh, kurz abzusitzen. Ungewöhnlich für das Energiebündel aus Deutschland, bis er zu unserem Erstaunen fünf große Bier aus dem Rucksack zauberte. Weniger Kleider, mehr Bier – diese Prioritätensetzung feierten wir. Bald zeigte sich jedoch, dass auch an Snacks und Essen gespart wurde, weshalb zu Mittag gesalzene Spaghetti ohne Sauce serviert wurden. Schließlich sicherten wir uns im Winterraum noch die oberen Betten (Hitze steigt ja bekanntlich auf) nahe beim Ofen, und waren bereit zum Aufbruch.

Bei starkem Wind und eisigen Temperaturen gings am späteren Nachmittag zu einer ersten Erkundungstour. Wir wollten einen Blick auf unsere ins Auge gefassten Line werfen. Nach ein bisschen mehr als 300hm erreichten wir den Leckipass, von dem aus sich der Blick auf das Stotzig Muttenhorn mit seinen 3.061 Metern eröffnete. Andri jauchzte, als er als Erster auf dem Pass ankam. Dies ließ uns weiter hinten Laufende erahnen, dass die Bedingungen im geplanten Face für das morgige Abenteuer vielversprechend aussahen. Nach einigen Fotos der Line, gefrorenen Fingern und Besprechung der Lawinensituation machten wir uns auf den Rückweg zur Hütte.

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Im warmen Winterraum wuchs der Kuhnagel und der abgefrorene Hintern taute in der temperierten Indoor-Toilette wieder auf. Wärme und fließend Wasser – was für ein Luxus! Wir teilten ihn mit nur wenigen anderen Tourengehern, mit denen wir schließlich einen großen Topf Pasta auf dem schwer einzuheizenden Ofen kochten. Nach dem reichlichen Essen wurde es unanständig: Wir brachten Tof «Arschlöcheln» bei. Die Karten waren schnell gelegt, gespielt wurde unter den Jungs um die zweite Hälfte meines Biers. 21 Uhr: Nachtruhe, unterbrochen durch eine Bettrochade als Flucht vor Schnarchern.

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6 Uhr 30: Draußen windet es in der Dunkelheit, drinnen dampft der Porridge. Ein motiviertes «We go or we what?!» mit französischem Akzent trieb uns in die Kälte, wo uns ein wunderschöner Sonnenaufgang überraschte. In 45 Minuten erreichten wir wieder den Leckipass, wo wir uns von Remo verabschiedeten. Er wollte uns vom Talboden aus mit der Drohne filmen. Die Lawinensituation schien günstig genug und wir stiegen über die sichere Variante über die geplante Route auf. Oben angekommen war die Enttäuschung groß: Der Wind hatte zu viel Triebschnee ins Couloir geblasen, statt der gescoutete Abfahrtsroute im bekannten Nordostcouloir entschieden wir uns für die Rinne direkt vom Gipfel aus nach Norden. Tof hatte mir vor einigen Tagen schon einen Screenshot davon gezeigt, diesmal sahen die Bedingungen vielversprechend und sicher aus.

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Zumindest während dem «Petit Rappel». In wenigen Minuten hatten die Jungs einen Felsen gefunden, dessen scharfe Kanten sie mit einem Stein abflachten, um mit einer Schlinge einen Ankerpunkt einzurichten. Mit den Ski schon an den Füßen gelang das Abseilen problemlos. Nur war das Seil 20 Meter zu kurz, was uns dazu zwang, seitwärts über Eis und Fels zu steigen, mit dem Pickel in der Hand…

Dann aber so ein Sahnehäubchen! Tof ließ als erster den Schnee stieben und stach mit viel Speed und kraftvollen Turns ins 45-55 Grad steile Couloir. Jetzt war die Reihe an mir. Nach den ersten Schwüngen ergriff mich plötzlich aus dem Hinterhalt mein Sluff und erinnerte mich daran, meine Line vorsichtig zu wählen und notfalls dem Sluff den Vortritt zu lassen. Andri und Finn folgten als zweites Team und als wir dann alle beim halb tiefgefrorenen Remo angekommen waren, waren wir uns einig: Beine brennen, Sicht und Schnee waren herausfordernd, aber was für ein Erlebnis!

Nach einem Stück Schokolade suchten wir unseren Weg entlang der Muttenreuss zurück ins Tal. Plötzlich und schon nach wenigen hundert Metern hörten wir Andri hinter einem Hügel weiter oben fluchen wie ein Rohrspatz. Finn war am nächsten und sah nach, was passiert war. Wir warteten – länger. Als die beiden endlich auftauchten, kurvten sie wie Anfänger den Hang herunter. Tof und ich konnten uns kaum Halten vor Lachen, und mehrere Purzelbäume später staunten wir nicht schlecht über Andris Malheur: Er hatte gleich beide Ski in einer steinigen Kompression zerbrochen, worauf Finn ihm einen Ski auslieh, sodass jeder auf einem Ski runterfahren konnte.

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Wir übernahmen ihre Rucksäcke und setzten unsere jetzt abenteuerliche Abfahrt entlang des Flusses fort. Nächste Herausforderung: Mehrmals die Fluss Seite wechseln. Noch lag zu wenig Schnee, um trockenen Fußes auf die andere Seite zu gelangen. Das Gepäck konnten wir zwar über den Fluss werfen, aber unsere Skischuhe sind schließlich voll Wasser gelaufen. Klatschnass erreichten wir wieder die Straße, auf der wir zur Hütte aufgestiegen waren. Die letzten Abfahrtskilometer trug Andri (mit zwei Ski) Finn (ohne Ski) auf dem Rücken, damit wir schneller zum Ziel kamen. Ungläubige Blicke anderer Tourengeher inklusive. Müde, nass, aber total glücklich und mit unvergesslichen Erinnerungen erreichten wir den Bahnhof Realp.

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Und unser Home Resort Projekt? Wird wohl noch lange nicht abgeschlossen sein, denn Berge gibt es hier wahrlich genug. Man muss weiß Gott nicht weit reisen, um ein Abenteuer zu erleben.

Infobox

// SKIGEBIET / ANDERMATT - SEDRUN - DISENTIS
Ski fahren in zwei Kantonen? Das Skigebiet Andermatt-Sedrun-Disentis verbindet nicht nur unzählige Pisten miteinander, sondern auch die Kantone Graubünden und Uri und damit zwei Kulturen und zwei Sprachregionen. Freerider freuen sich über ein riesiges und variantenreiches Gelände abseits präparierter Pisten.
www.andermatt-sedrun-disentis.ch

// ANREISE
Mit dem Auto erreicht man Disentis/Mustér von München aus in ca. 4 Stunden, das am Fuß des Furkapasses gelegene Realp in ca. 4,5 Stunden; am besten reist man aber wie viele Schweizer, mit der Bahn an.
www.sbb.ch

ROTONDOHÜTTE SAC
Die Hütte ist ein idealer und beliebter Ausgangspunkt für Bergliebhaber jeglichen Alters. Sie bietet im Normalfall Platz für 85 Personen in verschieden großen und nordisch bezogenen Massenlagern. Zusätzlich steht in der unbewarteten Zeit ein Winterraum zur Verfügung. Achtung: Reservierung vorab ist Pflicht!
www.rotondohuette.ch

Rider:
Flurina Bieger // Instagram: @flurinaskis
Tof Henry // Instagram: @tof_henry
Andri Bieger // Instagram: @andriskii
Finn Schauer

Foto
Remo Thommen: Instagram: @remothommen
www.remothommen.com




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