bergstolz

Kosovo-Powder im Sharr Gebirge


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Warum die Gegenwart gleich doppelt gut ist

Da haben wir den Salat. 15 von 20 Fahrstunden sind bereits im Logbuch. Kurz hinter der serbisch-kosovarischen Grenze geht die Sonne auf. Und Timos Kehle kratzt. Ein Bier würde ihm guttun. Unser belgischer Fahrerkreisel droht urplötzlich zu kollabieren. Non Stop war die Ansage! Von Miesbach in den Kosovo. Ein Van, vier Führerscheine und die Bereitschaft bis ans Äußerste zu riden. Dazu – und damit 20 Autostunden nicht langweilig wurden – eine ausgeklügelte Strategie: Nach ein paar Stunden im Fahrersitz folgt der fliegende Wechsel auf den Copilotenplatz. Umgehend gilt es mit einer Flasche Rotwein Schlafbereitschaft herzustellen, anschließend ins Heck-Bett zu wechseln und einen ausgenüchterten Ersatzmann von eben diesem auf den Fahrersitz zu befördern.

Der perfekte belgische Kreisel eben. …der auf den letzten Kilometern nach Brezovica ins Wanken gerät. Denn Timo will ein Bier, vorne links, auf einem nicht dafür vorgesehen Platz. Er bekommt sein Bier und alle anderen auch. Ein neuer Tag bricht an, die Straße wird ruppig und windet sich das Sharr Gebirge hinauf.

Kosovo 02

Zehn Tage auf die gute alte Zeit

Here we are. Brezovice Skicenter, Kosovo, Februar 2020. Verkatert. Übernächtigt. Zurück im Leben von vor zehn Jahren. Wir fühlen uns großartig. Von #livinglegends ist die Rede. „Vier Bier bitte!“ „Four Euros, please.“ „Ok dann nochmal acht!“ Vier Ü-30er berauscht auf dem besten Weg zurück in die Vergangenheit.

Ski- und Snowboardfilmprojekte hatten wir produziert. Japan, Indien, Kirgistan, Tajikistan, Rockies, Alaska…. vor fast zehn Jahren lebten wir einen Traum. Und heute? Chris „Fu“ Fuschlberger, Marketing Typ in Festanstellung, glücklich vergeben an seine Oktoberfestliebe 2017. Timo Mössner, freiberuflicher Kameramann, immerhin noch mit Rastapracht, daheim denkt Freundin samt Kind nix Böses. Hans Fleckl, hat den Bauernhof seiner Eltern übernommen, Kind und Freundin haben ihm mürrisch zehn Tage freigegeben. Bene Höflinger, Tourismus PR-Manager. Frau Höflinger hat ihren Mann von vor zehn Jahren nie kennengelernt ¬– was vielleicht kein Nachteil ist.

Kosovo 03

Zehn Tage hatten wir bekommen. Zehn Tage auf die gute alte Zeit. Wie damals wollten wir unterwegs sein, als wir kein Geld hatten, aber jede Menge Träume und die fixe Überzeugung, einmal vom Skifahren und Snowboarden leben zu können.

Ein Bier geht noch. Auf uns! Danach schauen wir wo wir pennen – zur Not im Van, geht schon! Doch der nette Kosovar neben uns an der Bar weiß wo wir schlafen können – Fis heißt er und soll der beste Freerider im Kosovo sein. Der passt zu uns.

Eine Insel des Friedens auf den Betonruinen Ex Jugoslawiens

Schon eine geschlagene Stunde warteten wir auf Fis. Treffpunkt war in der Bar von Dane Freeride, dort, wo wir uns auch kennengelernt hatten. Fis will uns das Freeride-Terrain abseits der zwei klapprigen Sowjet-Sessellifte zeigen.

Kosovo 04

Brezovica ist gewissermaßen ein Retorten-Skiort. Betonburgen, wenig Flair, alles auf einen Zweck ausgerichtet: Skifahren direkt vor der Hoteltür. Das Skizentrum wurde als schneesicheres Backup für die alpinen Bewerbe der Olympischen Spiele 1984 in Sarajewo errichtet, jedoch nie benötigt. Es folgte die Spaltung Jugoslawiens und wütende Kosovokriege. Während der Konflikte rosteten die Skilifte im Sharr Gebirge friedlich vor sich hin – hier oben war nie Krieg, sagten sie uns.

Vor ein paar Jahren dann beschloss ein serbisches Konsortium, zwei der ehemals drei Sesselliften wieder in Betrieb zu nehmen. Die Frage, wem die ehemals jugoslawischen Lifte heute tatsächlich gehören, konnte uns vor Ort aber niemand beantworten. Der Kosovo ist heute ein von den meisten Staaten anerkanntes, unabhängiges Land. Trotzdem haben wir vor Ort keinen einzigen Menschen getroffen, der sich offiziell als Kosovar bezeichnet. Es wird entweder der Anschluss ans muslimische Albanien oder ans christlich orthodoxe Serbien gefordert. Und doch wirkt es so, als würde der Kosovo hier oben in Brezovica, auf über 1.700 Meter Seehöhe, tatsächlich existieren. Serben und Albaner arbeiten (teilweise dubios) zusammen, Kinder spielen im Schnee, Serben, Albaner, Montenegriner und Nordmazedonier versuchen sich auf zwei Latten. Eine Insel des Glücks auf den Betonruinen Ex Jugoslawiens.

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Wenn die Magie des Sharr Gebirges in dicken Flocken vom Himmel rieselt

Slivovitz für alle und schon waren wir zusammen mit Fis in der Schlange eines der beiden Sessellifte. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist gut. Für drei Euro pro Fahrt bekommt man rund fünfzehn Minuten Anstehzeit und dreißig Minuten Liftfahrt – das Tagesticket für 18 Euro kann man quasi rein zeitlich betrachtet gar nicht reinfahren. Der Schnee an unserem ersten Tag, naja, zumindest hat es eine gute Base. Nach jeder Runde gab’s einen Slivo. Ski-Slivo-Balance nennen sie es hier. Das ging so lange gut bis wir aus Versehen drei Slivorunden aneinanderreihten. Wir bleiben hocken, bei Dane. Das Bier kam nonverbal, nicht jeder hier spricht Englisch. Vier gestreckte Finger in Richtung Bar reichen zur Glückseligkeit.

Unser Zimmer von gestern müssen wir heute schon wieder räumen. Im Zentrum Brezovicas steht ein alles überragender Betonklotz – das baufällige Hotel Molinka. Hier checken wir ein, die Fassade kann ja täuschen. 13 Euro pro Nacht inklusiv Frühstück. Die Fassade täuschte nicht! Hier regiert der Mief des Sozialismus vergangener Tage mit karger, schimmeliger Hand.

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Am nächsten Tag zogen wir wieder um. Das lag aber auch an Draginja und Igor von der Pizzeria Tina. Hier verhocken wir nämlich bei einer erstklassigen Lasagne am nächsten Abend. Fünf bis sieben Euro muss man für ein Abendessen samt Hopfenkaltgetränk rechnen. Igor quartiert uns noch rasch bei einem Spezl ein, die Lichter gehen aus und die Magie des Sharr Gebirges beginnt in dicken Flocken vom Himmel zu rieseln.

Wie immer ist es Hans, der sich als erstes aus dem Bett quält, seine bergbäuerlichen Knochen über die Blackroll wälzt und aus dem Fenster lugt. Bevor der Rest der Washed-Out-Gang anno dazumal überhaupt die Augen öffnet, packt Hans die Schaufel und gräbt einen Tunnel von unserer Haustür zu Omers Chez Fox, der einzigen Location, die schon Frühstück serviert. Es hatte geschneit, wie man es sonst eigentlich nur aus Japan kennt. Ein guter Meter mag es sein, wahrscheinlich sogar mehr.

Natürlich öffnen an diesem Tag keine Skilifte, natürlich kommt an diesem Tag keiner über die steile Passstraße nach Brezovica. Noch bevor wir unsere Felle auf Splitboards und Ski kleben, meldet sich Fis: Dane müsse heute ein paar Cat-Tracks spuren und wir können gerne mitfahren. Bis die Cat freigeschaufelt ist und es losgeht gibt’s, na klar, Slivo! Mühsam fräst sich der alte Pistenbulli seinen Weg durch den tiefen Schnee.

An der Waldgrenze steigen wir aus, oberhalb war der Wind. Fis lotst uns in eine Waldschneise. Mit den ersten Schwüngen wissen wir, was wir die letzten Jahre ach so oft vermisst hatten. Euphorie. Punktlandung. Alles staubt. Und wir stehen schneidig auf den Latten und Brettl’n, feels just like a Pro. Nach ein paar Runs und den ersten kosovarischen Stärkungen die Erkenntnis: Der Kosovo ist ein Land auf dem südlichen Balkan, feuchte Adrialuft presst meterdicken Powder an die Hänge der bis zu 2.600 Meter hohen Berge und wir sind hier gerade vermutlich die einzigen Rider. Darauf ein Bier.

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Es war der Abend, an dem die stolze, rastabewachsene Krone einer deutschen Eiche im Eingangsbereich unserer Wohnung Wurzeln schlug. Am nächsten Morgen startet Timo von der Poleposition. Die Snowboardboots, Goggle, Jacke und Hose noch am Mann. Einsatzbereit für einen weiteren Tag im tiefen Balkanpowder.

Langsam legte sich der Schneefall, am Nachmittag zeigte sich sogar die Sonne und der Frost am Abend besorgte dem Powder einen leichten Harschdeckel. Im Sonnenuntergang stiegen wir zusammen mit Fis auf einen waldfreien Gipfel oberhalb von Brezovica. Der Vollmond zeigte sich und der Moment wurde fast romantisch.

White Pearl, die Schöne

Aber doch wurde uns klar, dass die fetten Tage im Powder erst einmal gezählt waren. Wir beschlossen einen wenig aussagekräftigen Sightseeing Trip nach Skopje in Nordmazedonien.

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Mit der Wetterbesserung öffnete sich in unserem Reisebuch ein neues Kapitel. Danes Cat brachte uns in die Gipfelregionen oberhalb Brezovicas. Was dort oben vor uns lag, war der Traum jedes Freeriders: freies kupiertes Gelände, hier und da ein steiles Couloir, unverspurte Bowls und Powder wohin das Auge reichte. Wir hätten uns gut und gerne ein paar Tage im Cat-Gebiet austoben können, aber Fis hatte mit uns andere Pläne. Unser Ziel war die „White Pearl“, eine Schönheit, die Freerider im Alpenraum in Scharen anlocken würde. Hier interessiert es nur Fis – und uns. Nach einer kurzen Abfahrt klebten wir die Felle unters Gehölz, folgten Fis durch ein paar Lawinenhänge, die nur wir verweichlichten Zentraleuropäer als kritisch erachteten und erreichen über einen breiten Kamm den Gipfel oberhalb der „White Pearl“, die sich unter einer mächtigen Wächte ersteckte. Aber auch dieses Problem wird kosovarisch per Skistock-Sicherung gelöst. Bene hatte den Großteil des Weges gespurt, also war auch er der Erste, der seine Spur in den staubenden Pulver der Pearl legen durfte – ein Gentlemen Agreement unter Männern, bei denen es nicht mehr um first lines und epic Shots geht, sondern um die pure Freunde am Freeriden. Erst jetzt und mit dem Alter kam diese Erkenntnis. Im Hier und Jetzt herrscht Frieden im Kosovo. Die Gegenwart ist gerade doppelt gut!

Einen unvergesslichen und tatsächlich auch sehr seriösen Powdertag beendeten wir zusammen mit einigen Spezln von Fis auf einem letzten Run in der Abendsonne hinunter ins Tal von Štrpce. 1.800 Höhenmeter Powder, das ist ein Freeridertraum. Für uns war es aber weit mehr als nur Skifahren und Snowboarden, diese Abfahrt war eine Reise. Eine Reise zwischen Vergangenheit und Gegenwart. So gut hatten wir uns lang nicht mehr gefühlt. Ohne Druck, ohne Kamera, dafür aber mit den besten Haberern und ein paar neuen Freunden. Und so ließen wir uns mit dieser letzten Abfahrt Zeit, stoppten bei einem Einsiedler auf einen Slivo, kauften im Tal noch ein paar Bier und ließen uns dann direkt von Dane in seine Bar chauffieren. In Brezovica sollten wir auf diesem Trip nie mehr nüchtern werden…

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Wir verabschiedeten uns von Brezovica genauso wie wir es begrüßt hatten: Verkatert, übernächtigt, euphorisch. Denn eine Tour hatte Fis noch mit uns vor. Von der Passhöhe in Prevalla, direkt auf der Route, die uns über Prizren weiter nach Albanien bringen sollte, wollte wir einen Berg Namens Oshlak über dessen Südflanke besteigen. Nicht mehr verkatert, nein, dafür hatte Fis gesorgt und uns eine Flasche Slivo in den Rucksack gesteckt. Und dieser Slivo schmeckte dann so gut, dass wir vor lauter Freude den Oshlak nackt herunterfuhren. In diesem minimalistischen Stil wahrscheinlich eine Erstbefahrung. Die wir natürlich auf der Fahrt nach Albanien feierten. Dieses Mal ohne Belgischen Fahrerkreisel, es fuhr Chris, der Vorabendvollste, der so schlecht beinand war, dass er die Oshlak Tour aus dem Van beobachtete. Nun also Albanien, aber das ist wieder eine andere Geschichte…

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Infobox

// INFOS ZUR DESTINATION www.skicentarbrezovica.com

// ANREISE

  • Per Auto (belgischer Kreisel empfohlen)
  • Flug nach Skopje // Mietauto

// SNOWCAT

Dane Freeride
www.facebook.com/daneteam

// BEST BAR IN TOWN

Che Fox

// BEST Pizza

Pizza Tina
www.facebook.com/Pizzeria-Tina-196811677072896

// REISEANBIETER SNOWBOARD

https://elooa.com/detailview/camp/228.html

// REISEANBIETER SKI

www.snowmadstravel.world/en/trips/balkan-winter-experience




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