genannt) verdankt seine Besonderheit einer faszinierenden Kombination aus Geologie und Optik, die an die berühmte italienische Nachspeise erinnert. Die sanft geschwungenen Hügel und Klippen bestehen aus perfekt abgegrenzten, horizontalen Farbschichten. Dunkelbrauner Ton, zartes Beige, sattes Rosa und strahlend weiße Kreide wechseln sich ab. Das Ganze sieht aus wie Löffelbiskuits, Mascarpone-Creme und Kaffeepulver. Die gestreiften Berge sind der freigelegte Boden des urzeitlichen Tethys-Ozeans, der vor über 100 Millionen Jahren die Region bedeckte. Die weißen Schichten entstanden in kühleren Epochen durch Milliarden winziger fossiler Kalkschalen. Die roten und braunen Schichten bildeten sich in feucht-tropischen Phasen, in denen Eisen im Wasser oxidierte – der Boden ist quasi Jahrmillionen alter, bunter »Rost«. Im Gegensatz zu den schroffen, bedrohlichen Steilklippen im nahegelegenen Bozhyra-Tal ist das Gestein in Kyzylkup extrem weich und porös. Wind und Regen haben die Hügel über Äonen glattgeschliffen. Aus der Ferne wirken sie fast so, als läge eine weiche Plüschdecke über der Wüstenlandschaft. Weil der ton- und kreidehaltige Boden so weich ist, absorbiert er Schallwellen extrem stark. Zwischen den Hügeln herrscht oft eine fast unnatürliche, studioähnliche Stille. Und wer genau hinsieht, wandert hier buchstäblich auf einem Meeresfriedhof der Kreidezeit. Mit etwas Suchen findet man versteinerte Haifischzähne, Muscheln und sonstige Meeresbewohner. Allgegenwärtig sind dagegen die von uns »rostige Igel« genannten gelben Klumpen. Diese entpuppen sich bei näherem Hinsehen als verwitterte Korallen, die aber an Schärfe wenig eingebüßt haben und sich von Fahrradreifen zu ernähren scheinen. Weite Bögen drumherum sind angebracht. Apropos Bögen. Als wir das erste Mal die Bikes vom Pickup lupfen, sind wir gespannt wie Andi Kolbs Federbein. Ist unsere Tour eine absolute Schnapsidee oder finden wir hier tatsächlich ein Freeride-Paradies, welches Utah in Nichts nachsteht? Keine fünf Minuten später ist die Frage beantwortet. Tiramisu schmeckt uns so richtig und entpuppt sich als perfekte Spielwiese für abenteuerlustige Biker. Der Grip ist perfekt und viele Trampelpfade wirken wir gebaute Trails, Anlieger und Jumps inklusive. Nachdem wir bis in die Dunkelheit die Reisesteifigkeit aus den Knochen gefahren haben, ist es Zeit für eine erste Campingnacht in der Wüste. Die Jungs von Redmaya haben bereits das große Gruppenzelt aufgebaut und es erwartet uns eine reich gedeckte Tafel und ein grinsender Koch, der uns mit Inbrunst seine Landesküche serviert: Eintöpfe mit viel Fleisch, darunter auch Kamel und Pferd. Die drei bei der Anmeldung zur Reise gemachten Kreuze bei „Vegetarier“? Werden weggelacht. Ein Kreuz wiederum haben wir vergessen zu setzen: Dass beim Sanitärpaket, welches Campingklo und Campingdusche enthält. Auf die Frage nach dem WC verweist man auf einen in der Ecke stehenden Spaten, an dem eine Rolle Klopapier flattert. Einlagig. Und als Duschersatz müssen fortan Feuchttücher herhalten, von denen Tobi zum Glück genug dabei hat. Bereits am zweiten Tag nähern wir uns dem »Bokty«. So heißt jener Tafelberg, der mich seinerzeit derart in seinen Bann gezogen hatte, dass wir nun hier sind. Auch hier fällt die erste Bodenprobe positiv aus. Weich und doch griffig. Allein eine von oben bis unten fahrbare Linie ist nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Auch Headguide Beko zuckt auf die Frage, ob er mit seinen Kunden denn überhaupt mal auf den Bokty geklettert sei, mit den Schultern. In all den Jahren wurde dieser scheinbar nur von unten bestaunt. Also die Drohne ausgepackt und einen Inspektionsflug gemacht. Südseite, Nordseite oder Ostseite funktionieren nicht, da die Seiten zum Schluss hin stellenweise senkrecht abfallen. Bleibt die meist im Windschatten liegende Westseite. Ist hier der kleine Zweimeter-Drop direkt nach dem Start gemeistert, geht es über einen großen Felsen aus sandartigem Schotter, bevor nach halber Strecke tiefe Erosionsrinnen eine exakte Linie erfordern. Unten raus, wo das Gestein härter wird, sind einige technische Passagen zu meistern. Doch alles in allem fehlt am Ende kein Puzzlestück für eine flüssige und durchgehende Befahrung. Hoch geht es auf gleichem Weg wie runter, das Bike quer auf den Schultern und die Pumpe am Anschlag. Drei Schritte hoch, zwei zurück. So hat man jedoch die Möglichkeit, sich die einzelnen Schlüsselstellen nochmal im Detail anzuschauen und, noch viel wichtiger, ab und an einen kleinen Steinhaufen als Wegweiser aufzuschichten, damit man im großen Ganzen nicht die Ideallinie verpasst. Die Erstbefahrung durch Texi und Tobi verläuft dann ohne besondere Probleme geschweige denn einen Sturz. Überhaupt sollte man sich in diesem Niemandsland nicht verletzten, denn der Weg ins nächste Krankenhaus ist lang und voller Schlaglöcher. Die Grenzen des Mountainbikens lotet man lieber woanders aus. Besser weiter zum nächsten Höhepunkt: Die Bozjyra Fangs. Die »Drachenzähne« sind eine markante, stachelartige Kalksteinformation und nach dem Bokty sicher die zweitmeistfotografierte Sehenswürdigkeit der Region. Allein die Fahrt dorthin ist nicht von dieser Welt. Erde an Mars, wir kommen. Stellenweise fährt man an einer zweihundert Meter hohen, überhängenden Steilwand und man hofft, dass das Universum und die Erosion ein Einsehen haben. 17 KASACHSTAN / MANGYSTAU Bergstolz Ski & Bike Magazin • 04/2026
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