18 AMER I KA Bergstolz Ski & Bike Magazin • 06/2026 Metern ist die Sonne weg. Tobi kämpft gegen die Müdigkeit. Immer wieder fällt er in den Sekundenschlaf. Heli geht voraus, aber sie kommen nur langsam voran – und haben Durst. Die Flasche mit dem letzten Wasserrest ist zugefroren. Kurzerhand schlagen die beiden sie mit dem Eispickel auf und saugen die letzten Tropfen aus. 12 Stunden brauchen sie zurück ins Camp 4 zu Laetitia – 32 Stunden nachdem sie sich von ihr verabschiedet hatten. „Ich bin in voller Montur eingeschlafen, bevor ich essen konnte. Als ich aufgewacht bin, war die Erleichterung und das Glücksgefühl riesig. Und da war eine so tiefe Zufriedenheit, wie ich sie noch nie erlebt habe. Als wir zurück ins Basecamp kamen, standen dort plötzlich Zelte. Und unten im Tal erschien alles surreal. Es war Frühling, wir haben Vögel gehört, Pflanzen gesehen – und andere Menschen. Daran mussten wir uns erst wieder gewöhnen.“ 36 Tage ohne Dusche und Toilette, ohne die Socken auszuziehen und ohne richtiges Essen. Und 36 Tage mit dem Smartphone im Flugmodus. Sie haben Sorge, ihn abzuschalten und all die Nachrichten zu empfangen. Die Zivilisation kann überwältigend sein. Laetitia verabschiedet sich bald. Heli wird Tobi noch weiter nach Kanada zum zweiten Gipfel begleiten. Sie essen viel, sortieren das Material, fixieren die Skier am Rad und radeln wenige Tage später los Richtung Kanada. Mount Logan (5.959 m), Kanada Trotz Gepäck und einer Distanz von 1.100 Kilometern ist die Gravel-Tour nach Silver City in den Südwesten des Yukon-Territoriums für die beiden eine Spazierfahrt. Die Temperaturen sind perfekt. Sie müssen nicht gegen eisige Stürme kämpfen, keinen Schnee festklopfen, keine Schneemauern bauen, kein Expeditionszelt aufstellen. Auf dem Weg finden sich Shops. Nach dem Denali fühlt sich alles wie Luxus an. 10 Tage brauchen sie nach Silver City, dem Ausgangspunkt für den Mount Logan. Der Ort besteht aus zwei Häusern und einer Gravel-Piste für die Flugzeuge – der Berg aus einem gigantischen Eispanzer. Es sind die größten Eisfelder außerhalb der Polarregionen und Grönlands. Plus: Der Mount Logan hat mit seinen 160 Kilometern den weltweit größten Basisumfang aller nicht-vulkanischen Berge. Es braucht nicht viele Gespräche, bevor Tobi und Heli bewusst wird, dass der Zustieg dieses Mal nur mit Flugzeug möglich ist. Die Flüsse sind aufgetaut und die Bären wach. „Mit der Denali-Erfahrung war das Einkaufen so viel einfacher. Wir wussten, welche Erdnussbutter nicht gefriert, dass Parmesan nicht steinhart wird und natürlich vor allem auch ungefähr, welche Menge wir brauchen würden. Die Herausforderung war eher, das Material in der winzigen Maschine unterzubringen.“ Sie landen – und sobald das Flugzeug verschwunden ist, kehrt wieder die Stille ein. Sie sind die einzigen Menschen in einem Umkreis von 150 Kilometern. Der Mount Logan liegt noch abgelegener, die Landschaft ist noch wilder – und dieses Mal ist die Saison schon vorbei. Nur 13 Menschen waren 2026 vor ihnen auf dem Gipfel. Dieses Mal haben die beiden Glück mit dem Wetter. Nachts kühlt es bis auf -20°C ab, aber tagsüber ist es warm und die Tage lang. Sie sind als Team eingespielt. Nach vier Tagen sind sie bereits auf 5.000 Metern. Dann kommt der Sturm. Vor ihnen liegt ein extrem steiler Hang mit viel Neuschnee. Dieses Mal zwingt sie nicht das Wetter zum tagelangen Stillhalten, sondern die Lawinenlage. Schließlich verbessern sich die Bedingungen, sie investieren viel Zeit in die Sicherung und stehen am 12. Tag auf dem Gipfel. „Wir sind am 21. Juni ins Basecamp abgefahren, dem längsten Tag des Jahres. Es war landschaftlich absolut unvorstellbar und ich war komplett ausgefüllt mit einem inneren Frieden. Wenn ich ehrlich bin, hatte ich beide Skiexpeditionen für fast unmöglich gehalten. Es war nicht nur, dass wir es geschafft haben, sondern, dass wir es erleben durften. Ich empfinde das als eine große Ehre und bin unglaublich dankbar dafür.“ Nun steht der 5.636 Meter hohe Pico de Orizaba in Mexiko an – der dritthöchste Berg Nordamerikas. Nach einem halben Jahr in nur drei Ländern, wird Tobi in Mittelamerika Ländersammeln. Aber er wird vor allem auch komplett neue Herausforderungen vorfinden. Illegale Goldschürfer und Drogenkartelle werden ihn streckenweise dazu zwingen, mit bewaffneten Guides unterwegs zu sein. In Belize wartet mit Doyle’s Delight ein nur 1.124 Meter hoher Gipfel, der allerdings abgeschieden im dichten Dschungel liegt. Vielleicht ist es noch unrealistischer, seinen Gipfel zu erklimmen als den Denali oder Mount Logan. Doch Tobi ist nicht nur Abenteurer und Bergsportler. Er ist vor allem auch Optimist. Tobias Renggli (23) aus Luzern (Schweiz) ist Ausdauersportler, Abenteurer und einer der weltjüngsten Gipfel- und Ländersammler – mit dem Rad, zu Fuß und jetzt auch mit Skiern und Segelboot. Mit 16 Jahren wurde er Schweizer Jugend-Berglaufmeister und machte seine Matura-Arbeit zum ersten Abenteuer-Projekt: In 38 Tagen fuhr er mit dem Rad alle 250 Städte der Schweiz ab, bestieg alle 26 höchsten Kantonsberge – und schrieb dazu die 200-seitige „Tour dör d’Schwiiz“. „Wenn man sich die höchsten Gipfel eines Kantons oder eines Kontinents als Ziel setzt, bringt dich das an Orte, die man sonst niemals besucht hätte.“ Vor Studienbeginn startete er mit 18 Jahren zu einer BikepackingTour durch alle 44 Länder Europas und erklomm auch hier jeden höchsten Berg. 2024 wiederholte er seine Kantonsgipfeltour und legte dabei in drei Wochen 2.533 Kilometer und 27.219 Höhenmeter zurück: Die Dokumentation „Gipfeli of Switzerland“ war 2025 eine der Highlight-Filme der European Outdoor Film Tour (EOFT). „Ich habe mich gefragt, was mich in meinem Leben am meisten weitergebracht hat. Auf der Europa-Tour habe ich extrem viel gelernt, gesehen, erlebt. So etwas nochmals in einer neuen Dimension machen zu können, ist mein Traum. I N F O BOX
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