Seite 36 | BERGSTOLZ Ski Magazin Oktober 2013
THEMA
EV
Christine Hargin hab ich die für mich besten Freeskierinnen und tollsten Persönlichkeiten an
Board geholt - wir drei wollen uns einen lang ersehnten Traum erfüllen: Alaska. Das motiviert
natürlich extrem und ich bin mit der Organisation ziemlich eingeteilt. Den ganzen Winter über
versuche ich mich abzulenken, meine ganzen Facebook Ski-Freunde werden „gehidet“ um deren
postings nicht ansehen zu müssen. Den Tipp hat mir übrigens Basti Hannemann gegeben. Basti
war auch einer der Ersten, der mich in Canada nach meinem Sturz angerufen und mir Mut
gemacht hat. In so einer Situation merkt man erst, wie wichtig Familie und Freunde sind. Nadine
Wallner hat sogar ihren Flug versäumt, weil sie mit ihren gerade mal 160cm, allein vier schwere
Taschen schleppen musste und dann drauf kam, dass sie keine gültige ESTA hatte. Immer wieder
schreiben mich Leute auf Facebook an, die das gleiche Problem haben, fragen mich was sie am
Besten tun sollen und bitten mich um Rat. Man tauscht sich aus, das hilft – nicht nur den
anderen, sondern auch mir.
Sekundäre Arthrofibrose und Zyklopssyndrom!
Ich gehöre zu den auserwählten 10%
Ich beschließe mich einer weiteren OP zu unterziehen. Die fehlende Streckung ist noch immer das
Problem und Narbengewebe sollte entfernt werden. Nach der OP zeichnet sich eine kleine
Besserung ab, aber die gewünschte Streckung ist noch immer sehr fern. Es folgen drei weitere
Monate Physio und Training. Durch das Beuge- und Streckdefizit entstehen andere Probleme,
auch der Muskel steuert nicht richtig an beim Training. Ich bin verzweifelt und positiv gleicher-
massen. Ein emotionales Auf und Ab wie ich es noch nie erlebt habe. Drei Monate später ent-
scheide ich mich dann weitere Meinungen einzuholen und bekomme die niederschmetternde
sekundäre Arthrofibrose und Zyklopssyndrom. Drei Tage später liege ich in Innsbruck im
Sanatorium Kettenbrückengasse wieder unterm Skalpell. Laut Dr. Golser und Dr. Oberladstätter
wurde der Zyklops und Unmengen an Narbengewebe entfernt. Die Streckung ist endlich da und
ein Licht am Ende des Tunnels sichtbar. Leider bereiten mir meine Muskelansätze die nächsten
Wochen enorme Probleme. Durch das lange Beuge- und Streckdefizit, welches ich nun endlich
nicht mehr habe, zwickt es überall und hindert mich am Training und dem so wichtigen
Muskelaufbau. Erneute Verzweiflung kommt hoch. Ich weiß, ohne eine starke Muskulatur keine
World Tour und Alaska kann ich mir auch abschminken. Ich strotze gerade so vor Motivation, aber
was tun, wenn der Schmerz beim Training einfach unaushaltbar ist.
Ich gebe nicht auf! Ich bin eine Kämpferin!
So viele Verletzungen haben mich eines gelehrt: Für seine Träume und Ziele zu kämpfen und nie-
mals aufzugeben! Und genau das mache ich. Mit meinem Trainer Reini Innerhofer stelle ich im
Olympiazentrum einen an meinen Schmerz angepassten Trainingsplan zusammen. Mit dem GO
von den Ärzten und meinem Physio trainiere ich in den Schmerz hinein. Schließlich ist es nur die
Quadrizepssehne, die Probleme macht. Das Knie fühlt sich gut an. Ein scheiß Gefühl mit so star-
ken Schmerzen zu trainieren. Aber ich hab keine Wahl. Zähne zusammenbeißen und an unver-
spurte Hänge in Alaska denken, das Hilft immer. Ich komme jeden Tag auf meine fünf Stunden
Training. Ich liebe es, endlich wieder so starken Muskelkater zu haben, dass ich kaum normal
gehen kann und ich bin der glücklichste Mensch, wenn die Zahl am Maßband einen Zentimeter
mehr Oberschenkelumfang anzeigt, als noch eine Woche zuvor. Am Abend schaue ich mir immer
und immer wieder die Bilder von Alaska an. Das hält mich stark, motiviert mich und ich schöpfe
Energie daraus! Obwohl ich nicht weiß, was meine Saison bringt und was mein Knie zulässt, ich
gebe alles und mit Sicherheit niemals auf!
Foto: Tine Huber
Foto: Christoph Oberschneider
Foto: Christoph Oberschneider
Foto: Christoph Oberschneider
Foto: Christoph Oberschneider