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Seite 60 | BERGSTOLZ Ski Magazin DEZEMBER 2017

EQUIPMENT

Ser v i ce

G e h t F r e e r i d e a u c h n a c h h a l t i g ?

Wir lassen uns von einem strombetriebenen Lift auf den Berg

transportieren, für dessen Trasse vorher der Wald abgeholzt

werden muss. Wir verbringen unsere Freizeit auf Latten, die

mit Harz verklebt werden und deren Einzelteile niemals mehr

wieder getrennt und wiederverwertet werden können. Wir

kaufen Klamotten, die um die halbe Welt gereist sind. Im Sinn

des guten Gewissens sollte man das mit dem Skifahren ei-

gentlich lassen. Oder gibt’s vielleicht doch Möglichkeiten, sei-

nen eigenen ökologischen Fußabdruck auch beim Powdern

zumindest zu verkleinern?

Das Stichwort, das sich – auch durch den medialen Hype der

vergangenen Jahre – aufdrängt, lautet hier „Nachhaltigkeit“.

Nachhaltiges Handeln bedeutet den Vereinten Nationen zu-

folge so zu handeln, dass zukünftige Generationen ihre Be-

dürfnisse nicht schlechter befriedigen können als

gegenwärtig lebende. Dabei geht es sowohl um ökologisch

als auch sozial verträgliches Handeln und Wirtschaften. Beim

Versuch, Freeriden nachhaltig zu gestalten, landet man

schnell bei den bekannten Ratschlägen: mit dem Zug anrei-

sen, Schutzzonen meiden, nichts am Berg zurücklassen. Wie

sieht es aber mit Freerideprodukten aus? Eine Hilfestellung

kann sein, auf Ökozertifizierungen und -Siegel zu achten.

Bluesign

Die bluesign-Zertifizierung konzentriert sich auf die chemi-

sche Unbedenklichkeit von verwendeten Rohstoffen und Pro-

dukten. Dabei wird die gesamte Herstellungskette überprüft.

Bluesign führt sowohl eine Positivliste unschädlicher Sub-

stanzen als auch eine Negativliste. Unter den Systempartnern

von bluesign finden sich unter anderem Brands wie Patago-

nia, Maloja, Marmot, Salewa oder Zanier.

Öko-Tex Standard 100

Im Gegensatz zur bluesign-Zertifizierung überprüft der Öko-

Tex Standard 100 nur auf Schadstoffe im Endprodukt. Das

am weitesten verbreitete Textilsiegel ist im Einzelhandel prak-

tisch überall zu finden.

Global Organic Textile Standard GOTS

Der GOTS bezieht die gesamte textile Wertschöpfungskette

in seine Prüfung mit ein. Verwendeten Naturfasern dürfen ma-

ximal 30% Kunstfasern beigemischt werden, zusätzlich wer-

den regelmäßig Betriebsinspektionen vorgenommen. Ein

Großteil der Organic Cotton Linie von Picture ist zum Beispiel

GOTS zertifiziert.

Fairtrade und Fairwear Foundation

Fairtrade und Fair Wear Foundation beziehen sich auf die So-

zialverträglichkeit von Herstellungsbedingungen, es geht um

verbesserte Arbeitsbedingungen, -rechte und Löhne. Wäh-

rend nach dem Fairtrade-Standard zum Beispiel Patagonia

produziert, ist Fair Wear Foundation unter anderem bei

Picture, Dynafit, Mammut oder Pyua zu sehen.

Manche Hersteller versuchen aber nicht nur die Kriterien für

Nachhaltigkeits-Siegel zu erfüllen, sondern richten ihren ge-

samten Produktionsprozess danach aus. Vorreiter und wohl

bekanntester Hersteller im Outdoor- und Freeridebereich ist

hier wohl Patagonia.

Das Unternehmen stellte schon sehr früh, nämlich 1996 kom-

plett auf Bio-Baumwolle um. Sobald der Stein erstmal ins

Rollen kam, kam eines zum nächsten, bis Patagonia 2011 gar

die „Don’t buy this jacket“-Kampagne lancierte. Kunden wur-

den dazu aufgefordert, nichts zu kaufen, das sie nicht wirklich

brauchten. Das Unternehmen fasst seine Umweltschutzbe-

mühungen mittlerweile in der Worn Wear-Kampagne zusam-

men. Kern des Programms sind möglichst langlebige und

hochwertige Produkte und die Maximierung ihrer Nutzungs-

dauer. Sollte etwas kaputtgehen und auch nicht mehr repa-

riert werden können, dann sollen die einzelnen Bestandteile

zumindest wiederverwendet werden können. „Unsere Pro-

dukte möglichst lang zu nutzen, ist das Beste, was wir als

Verbraucher für die Umwelt tun können. Indem wir die Le-

bensdauer unserer Kleidung durch Pflege und Reparatur ver-

längern, müssen wir weniger neue Sachen kaufen und

vermeiden so die CO2 Emissionen, Abfälle und Abwässer, die

mit ihrer Herstellung verbunden wären“, erklärt Rose Marca-

rio, CEO von Patagonia. Patagonia betreibt mehrere Repara-

turzentren, und wo auch immer der Repair Truck auftaucht –

unter anderem beim FreerideTestival 2018 – sind die Nähe-

rinnen damit beschäftigt, Freeridekleidung wieder instand zu

setzen. Wer seine Klamotten wirklich nicht mehr sehen kann,

kann sie auch direkt an Patagonia einsenden – sie werden

dann recycelt und zu neuen Kleidungsstücken verarbeitet.

Auch das junge französische Brand Picture Organic Clothing

hat es sich zum Ziel gemacht, natürliche, recycelte und aus

Bio-Produktion stammende Outdoor-Produkte herzustellen.

Unter dem Namen „Ride for the Future“ beginnt bei Picture

nachhaltiges Denken schon beim Designprozess: „Ganz am

Beginn eines Entwurfs steht für uns schon die Frage, wie das

Produkt und seine Einzelteile wiederverwendet werden kön-

nen.“ Beispielsweise werden Stoffreste im Futter der Jacken

wiederverwendet, verarbeitet wird ausschließlich Bio-Baum-

wolle. Alle Funktionsmaterialien bestehen zu mindestens

50% aus recycelten Plastikflaschen und sind zu 100% PFC

frei. Perfluorkarbonate wurden lange verwendet, umMateria-

lien wasserabweisend zu machen. Picture verwendet statt-

dessen die Teflon EcoElite Technologie. Außerdem versucht

Picture den CO2-Ausstoß durch Transportwege zu minimie-

ren. Auch beim französischen Brand gilt, dass repariert wird,

was möglich ist.

Das deutsche Label Pyua gewann schon mehrere Awards für

seine recycelbaren, aus wiederverwendeten Materialien her-

gestellten, PFC- und PTFE-freien Produkte. Pyua verwendet

sein eigenes Climaloop-Laminat, das aus bereits recycelten

Stoffen hergestellt wird. Es ist frei von Fluorkarbonaten und

von PTFE. Durch europäische Produktionsstandorte und die

Zusammenlegung von Reisen wird der CO2-Ausstoß durch

Geschäftsreisen vermindert, ebenso durch das Reisen per

Bahn – soweit irgendwie möglich.

Auch für verantwortungsvolle Produktionsbedingungen von

Daune und Wolle setzen sich etliche Unternehmen ein: Pata-

gonia verwendet nach Möglichkeit recycelte Daunen aus aus-

rangierten Bettdecken bzw. ausschließlich nach dem Global

Traceable Down Standard gewonnene Daunen, die weder

von mit Lebendrupf noch von Tieren die für Stopfleber ge-

mästet wurden stammen. Nach dem Responsible Down

Standard gewonnene Daunen verarbeiten z. Bsp. The North

Face, Mammut, Dynafit oder Salewa. Mons Royale wird ab

dem kommenden Sommer ausschließlich Merinowolle von

Schafen verwenden, die nicht von Mulesing-Farmen stam-

men. Außerdem soll die Nachverfolgbarkeit der Kleidungs-

stücke weiter verbessert werden. „Mein Onepiece von Schaf

Mary“ sozusagen.

Freerider, die sich noch stärker engagieren möchten, können

sich der NGO Protect Our Winters anschließen. POW wurde

2007 von Jeremy Jones gegründet, der damit auf die Aus-

wirkungen des Klimawandels auf die Wintersport-Community

aufmerksam machen wollte. Seit 2015 gibt es POW Austria

als Ableger der internationalen Organisation.

Kann man also auch nachhaltig freeriden? Vielleicht nicht

ganz einfach, jede/r selbst kann aber viele kleine Dinge tun,

die dann insgesamt einen großen Beitrag leisten können.

Hüfttiefer Powder und „neverending winter“, das

ist alles was wir Freerider uns wünschen. Wir alle

wissen, wie selten diese Jahrhundertwinter von

Haus aus sind. Und wieviel seltener sie offenbar in

Zukunft sein werden. Und selbst die optimistischs-

ten (oder ignorantesten) unter uns haben wohl

schon darüber nachgedacht, inwieweit wir Freeri-

der selbst zur allgegenwärtigen Klimaerwärmung

beitragen: Wir fahren mit dem Auto zum Powdern

und fliegen rund um den Globus zum Freeriden.