Bergstolz Issue No. 81
FREER I DE TRANSALP 19 wenigen Höhenmetern ignoriert haben: Es geht hier auf beinahe 3.000 Meter hoch. Je weiter wir uns dem Grat nähern, den wir bis zum Start unserer Abfahrt entlang- wandern, desto stärker bläst uns der Wind ins Gesicht. Mit dem Run weitab irgendwelcher Liftanlagen lassen wir schon das erste unserer drei Länder hinter uns: Von Italien fahren wir in die Schweiz, genauer nach La Punt-Chamues in Graubünden, ab. Diese ersten 1.300 Abfahrtsmeter am Stück geben uns einen ers- ten Vorgeschmack auf das, was noch kommen sollte. Dass reine Höhenmeter nicht alles sind, wird mir an diesem Tag eindrücklich eingebläut: Am Ende der Ab- fahrt müssen wir nochmals auffellen und durch ein laaanges flaches Tal bis zu unserem Pick-Up laufen. Erst gefühlte drei Stunden später lassen wir uns alle- samt im Castell, unserem burgähnlichen Hotel in Zuoz, in dem sogar die Anhänger der Zimmerschlüssel Schlossgespenster sind, in die tiefen, gepolsterten Bänke der Hotelbar sinken und bestellen 15 Kübel. „Entschuldigen Sie bitte,“ kommt die Bardame zu- rück, „darf ich Ihnen auch Stangen bringen? Ich habe nur sechs Kübel-Gläser.“ Heute also gleich zwei Sachen gelernt: Höhenmeter sind nicht alles und die Größenangaben schweizerischer Biere. TAG 3: VON ZUOZ NACH KLOSTERS An diesem Morgen ist die Aufregung fast mit Händen zu greifen: Es steht die Etappe mit den meisten Höhenmetern an, ca. 1.200 werden es sein, verteilt auf drei Anstiege. Die allerersten (nicht eingerechne- ten) 500 hm bewältigen wir erstmal mit dem Lift, den die Bergbahnen Zuoz extra für uns in Betrieb setzen. Wir freuen uns und beneiden die Skitourengeher unter uns, die sich mit Harscheisen auf der gefrorenen Piste abmühen, kein bisschen. Auch heute ist uns der Wettergott wohl gesonnen: Die Sonne strahlt vom stahlblauen Himmel. Wolken könnten bei dem Wind, der uns auch auf dieser Etappe unablässig ins Gesicht bläst, eh keine aufkom- men. Die Belohnung dafür ist das unermessliche Pa- norama mit seinen unzähligen weißen Gipfeln, das wir schon am Weg zu unserem ersten richtigen Auf- stieg des Tages gar nicht ausgiebig genug bewundern können. Alles strahlt blau und weiß, dazwischen rei- hen wir uns wie auf einer bunten Perlenkette in die Aufstiegsspur. Kaddi und ich haben uns am Vortag gut eingespielt, wir liegen tempomäßig beinander und bremsen Chris und die Jungs abwechselnd ein bisschen ein, wenn’s uns zu schnell wird – bzw. wir eines von ungezählten Fotos machen müssen. Unsere erste Landmark für diesen Tag ist eine Scharte in der Nähe des Piz Viroula, durch die wir klettern wer- den, um auf der Rückseite abzufahren. Unsere Guides stellen uns erstmal in der Sonne ab und graben ein Schneeprofil, danach schicken sie uns einzeln in Spitz- kehren nach oben. Die letzten Meter stapfen wir mit den Ski am Rücken, bevor wir auf der anderen Seite wieder ein paar Meter runterklettern. Die erste Abfahrt des Tages wartet mit allem auf, was die Be- dingungen hergeben: Feinster Pulver im Schatten und schwerer Frühlingsschnee sobald man in die Sonne kommt. Mein Lernmoment an diesem Tag: Mir fängts den Ski und es stellt mich bei geringstmöglichem Gefälle dermaßen auf, dass ich mich zuerst mal sammeln muss, bevor ich zu den anderen und unserer ersten Jausenstation des Tages abfahren kann. Nix passiert, schnell den Schnee aus der Unterwäsche klauben und weiter geht’s… Rundum sehe ich nur mehr fettes Grinsen, keiner kann sich gegen den Eindruck der beeindruckenden Berg- welt, der Abgeschiedenheit und der Einmaligkeit dieses Erlebnisses mehr wehren. Besser kann’s kaum mehr werden. Dieser Eindruck beflügelt mich auf dem zweiten Anstieg zu einer Scharte in Richtung Piz Kesch, ich finde meinen Tritt. Kaddi läuft wieder hinter mir her, ich höre geraume Zeit nichts von ihr außer ihr gemurmeltes Fluchen. So sehr wir versuchen, unser Gesicht vor dem beißen- den Wind zu schützen, so umwerfend zeigt sich das Spiel aus hochgewirbeltem, glitzerndem Schnee, blitz- blauem Himmel und den Sonnenstrahlen dazwischen. Richtung Kesch-Hütte, die wir rechts liegen lassen, legen wir einen Group-Shred hin, wie er im Buche steht. Es staubt, wir lachen und schreien vor Glück. Für den letzten Uphill des Tages bin ich guter Dinge, aber diesmal bin ich es, die sich fluchend und schimp- fend an Kaddis Skienden hängt. Ich versuche einfach in ihrem Tempo mitzugehen und irgendwie oben anzukommen. Wie meine Stimmung verdunkelt sich das Wetter, die Sonne versteckt sich in den Wolken, das Licht wird flach. Dennoch: Unberührte, pulvrige First Lines entschädigen grandios für die Anstrengung. Wir beenden unseren Tag mit ein, zwei Feierabend- Kübeln in Sertig Dörfli, bevor wir uns in den Bus nach Davos setzen. Unsere Guides schicken uns nach dem wohlverdienten Abendessen mit dem Versprechen ins Bett, dass jetzt die Freeride-Tage kommen werden. Ich träume von weiten, unberührten Hängen im Pulver- schnee, die gewaltigen Bilder der Berge wirken nach. TAG 4: VON KLOSTERS NACH STUBEN In der Früh bin ich überhaupt nicht beleidigt, dass uns Gondel, Sessel- und Schlepplift Richtung Madrisa hoch- transportieren, bevor Flo und Chris ein paar wenige Höhenmeter hinauf spuren.Wir folgen und wer- den mit der besten Powderabfahrt des Trips belohnt. Wenn ich keine Ohren hätte, dann hätte mein Grinsen wohl rund um meinen Kopf gereicht. Im Zickzack geht’s gleich weiter auf eine kleine Scharte, um die nächsten Tiefenmeter unter unsere Ski zu bringen. Ein wahrlich perfekter Freeride-Tag: Ein paar Höhenmeter bergauf, viele viele Tiefenmeter bergab, und das bei schönstemWinterwetter und ohne dass uns an- dere Freerider die First Lines nehmen würden. „Wahn- sinn. Vollkommen irre!“ Mein Mantra des Tages, ich sage es gefühlt alle zehn Sekunden. Zu mehr Leistung ist mein Gehirn gerade nicht fähig, es versucht die Ein- drücke aufzunehmen und abzuspeichern. Wir verlassen die Schweiz und betreten öster- reichischen Boden, was für uns auch bedeutet, dass wir uns dem Ende unseres Trips nähern. Für diese Ge- danken bleibt aber gerade keine Zeit, wir genießen jeden Turn, jede Abfahrt in vollen Zügen. Am Weg nach Gargellen holt uns der Frühling ein, der Schnee wird schwer. Frühling? Fühlt sich vollkommen unwirk- lich an, schließlich haben wir seit Tagen nur weißen, glitzernden Schnee gesehen. Der Bus bringt uns nach St. Gallenkirch, wo wir den Lift hinaufnehmen und die Ski bergab ins Silbertal. Wir hanteln uns in Richtung Arlberg, am Ende laufen wir noch eine Weile, aber das interessiert keinen mehr, wir sind vom Powderglück überwältigt, lachen und plappern: Was für Bedingun- gen! Wie gut kann ein Freeride-Tag überhaupt sein! Ein Superlativ jagt den nächsten, nicht zuletzt die nackten Zahlen sprechen für sich: Mehr als 40 Kilometer Strecke und mehr als 4.300 Tiefenmeter haben wir an diesem Tag hinter uns gebracht. Wären wir nicht irgendwann angekommen, hätten wir auch noch weitergemacht, das ist sicher.
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy Mzk0ODY=