Bergstolz Issue No. 81

OSTTIROL Bergstolz Ski & Bike Magazin • 01 | 2019 33 E THIK // Eine Befahrung zählt nur, wenn man von oben bis unten die Ski anhat und dann auch nur, wenn man frei und nicht am Seil fährt. Dass der Aufstieg „by fair means“ und nicht mit dem Heli erfolgt, versteht sich da von selbst. Ebenso, dass man nur reelle Steilheiten angibt. Steilwandfahren ist für mich die Königsdisziplin, eine Kombination aus Skifahren und Alpinismus. Da sollte wie auch im Alpinismus die Ethik des Sports respektiert werden. F AHREN // Für mich war Speed immer wichtig, es heißt ja Steilwandfahren und nicht Steilwandrutschen. Klar möchte man ein paar Touren abhaken, aber für mich ist eine Line erst gefahren, wenn ich sie wirklich gefahren bin. Letzten Winter habe ich viele Touren wiederholt, weil es mich gewurmt hat, wie ich da runtergerutscht bin. Der Vergleich von altem und neuem Videomaterial war dann doch sehr befriedigend. G ROSSGLOCKNER // Meine Steilwand-Premiere feierte ich in der Pallavicini Rinne am Großglockner. Und wie! Über die Adlersruh hinauf ins Schartl, von dort abseilen und drin stand ich. Zu der Zeit war ich der Erste, der mit einem fetten Ski da oben war. „Du spinnst doch! Du kannst ja die Aufstiegsspur gar nicht benutzen!“ Stimmt natürlich, aber als ich oben war, hab ich einen langen, breiten Ski gehabt und war der Chef. Ich weiß nicht, ob ich jemals wieder so einen Tag bekommen werde in einer Steilwand: Es war Mai und hatte frisch geschneit, die Sonne schien und der Pulver war perfekt - du hast Vollgas fahren können. Wenns zu schnell wurde hast du dich zurückgelehnt und bist ein paar Turns gesurft. Ganz oben ist es brutal schmal, aber direkt nach der Engstelle wird es weit – ich bin Schuss da durch. Die Jungs, die gerade aufgestiegen sind, haben mich für verrückt erklärt. H ORNKOPF // Der Hornkopf ist einer der schönsten Berge, die ich je befahren bin. Die Linie hatte ich am Weg zum Petzeck gesehen, einer klassischen Steilwandtour in der Schobergruppe. Beim Aufstieg hab ich immer wieder hinüber geschaut: „Was für ein Mordsgerät!“ Irgendwann wurde der Hornkopf wieder aktuell. Wir haben uns das Ganze von der Gegenseite aus angesehen, konnten aber meine Line nicht mehr finden. Im Sommer wars noch schlimmer: Eine schwarze Wand. Im Osttiroler Jahrhundertwinter 2014 haben Magdalena Habernig, Tom Mariacher und ich An- fang Januar einen weiteren Versuch gestartet. Durch eine harte Rinne sind wir nach oben gestiegen und gerade, als es richtig steil wurde, standen wir im Pulver. Der Tiefblick war überwältigend. Die erwarteten Schwierigkeiten in der Abfahrt – zwei Felsstufen – ließen sich problemlos meistern, auch wenn es teilweise so eng war, dass es nur mehr gekracht hat: Die Ski sind vorne und hinten am Fels angestoßen. Der Rest war nur geil. I DEEN // Mit der Zeit entwickelst du ein Auge für Lines. Dann kommst du von einer Befahrung mit 15 neuen Ideen nach Hause, dann findest du plötzlich vor der Haustüre eine Linie, die noch niemand zuvor gefahren ist. So wächst meine Liste von Befah- rungen, und auch die der Erstbefahrungen: Es sind mittlerweile schon mehr als 40. J EMALS // Bei einigen meiner Befahrungen weiß ich nicht, ob sie jemals wiederholt werden können, du hängst beim Steilwandfahren von deiner persönlichen Verfas- sung und von den äußeren Bedingungen ab. Am Polinik können es die Einheimi- schen bis heute selber kaum glauben – und ich übrigens auch nicht – dass das zum Fahren geht. K ÖNIGSWAND // Die Königswand hat sich gewehrt! Wir sind vier Mal hingegangen und haben drei Mal an derselben Stelle, der Querung, abgebrochen: Auf den Platten findet man einfach keinen Halt. Tom Mariacher und ich haben abwechselnd ver- sucht, hinüber zu kommen, aber: Einmal runter geschaut und vorbei wars. Wir woll- ten ein Podest raushacken, aber der Schnee war nicht tief genug. Schließlich wollte es Tom noch ein letztes Mal versuchen, wenns nicht funktioniert drehen wir um. Und wirklich: „Es geht! Komm rüber!“ Ich steige nach, bin fast bei ihm: „Dreh um, geht doch nicht.“ Ich drehe wieder um, ziehe die Ski an und fahre los, da schreit er mir plötzlich zu, dass er es doch geschafft hat. „Was soll ich jetzt machen? Dir beim runterfahren zuschauen?“ Schließlich ist er durch die Wand aufgestiegen und ich von der Hinterseite, damit wir uns am Gipfel treffen konnten. Nach Mixed-Klet- terei und hüfthohem Sulz fuhren wir gemeinsam ab, auch die Stelle an der Platte war überraschend unkompliziert. An der Königswand habe ich Geduld gelernt, nach- dem alle vorherigen Projekte wie am Schnürchen geklappt haben. L A LISTE // La Liste von Jérémy Heitz hat das Steilwandskifahren wieder mehr in den Fokus gerückt, das freut mich. Für mich persönlich hat sich dadurch aber nicht viel geändert, schließlich haben mich meine Sponsoren schon vorher in dem unter- stützt, was ich tue. Ich finde es aber schade, dass viele andere Filme keine Auf- merksamkeit bekommen, obwohl die genauso steile Sachen fahren. M ATERIAL // LVS, Schaufel und Sonde sind immer dabei, die Steigeisen je nach Bedingungen entweder aus Alu oder Stahl. Meistens reicht ein Eisbeil, wenns richtig steil wird braucht es zwei. Ein Seil habe ich fast nie mit. Bisher musste ich auch nur auf der Altensteinplatte Schlaghaken setzen, weil der Gully nicht zu befahren war. Die Line hat sich ein Südtiroler Kollege x Mal angesehen, der hat mich dann mitgenommen. „Nimm Seil und Schlaghaken mit, nur sicherheitshalber natürlich.“ Wir sind von hinten rauf gestiegen und es war perfekt - bis zum Gully.

RkJQdWJsaXNoZXIy Mzk0ODY=