Bergstolz Issue No. 81
34 OSTTIROL Bergstolz Ski & Bike Magazin • 01 | 2019 N EIN // „Nein!“ musste ich erst lernen. Mein Schlüsselerlebnis war ein Filmdreh mit Sam Anthamatten, der Hubschrauber kreiste über uns und wir sind am Laserzkopf raufgestapft, obwohl wir beide ein ungutes Gefühl hatten. Dann hat uns das Brett erwischt. Wir hatten beide unglaubliches Glück. Seitdem lassen wir es sein, wenn einer von uns kein gutes Gefühl dabei hat – wir müssen uns nichts beweisen. O RTLER // Die Schückrinne am Ortler ist ein ca. 1200 Meter langes Couloir in der Nordwand, Schlüsselstelle ist eine Querung, von der man liest, sie sei 60° steil. Da man nicht durch die Rinne aufsteigen sollte, haben wir uns für den Normalweg ent- schieden. Oben angekommen hatten wir gerade noch fünf Minuten strahlend blauen Himmel, bevor es zuzog – nicht cool. Wir haben kurz gewartet und sind ein Stück runter auf ein kleines Plateau. Wolken weg – perfekt, wir fahren los. An der Stelle, an der es endgültig richtig steil wird, haben wir wieder keine Sicht mehr, warten also wieder – eine halbe Stunde. Als es dann aufgemacht hat konnten wir direkt hinunter in die Nordwand sehen, wir hatten genau in der Querung gewartet. Gemessen haben wir nur 47°, aber der Tiefblick hat es in sich. Die schwierigste Stelle kam aber erst viel weiter unten: Das was für uns am Vortag wie Schnee aus- sah, war in Wirklichkeit senkrechtes, weißes Eis. P ROJEKT // Vom ersten Blick in eine mögliche Line bis zum Befahren können Jahre vergehen, manchmal geht’s aber auch richtig schnell: Im Jahrhundertwinter 2014 waren es oft nur drei Tage, die wir für unsere Projekte gebraucht haben. Wir haben die Routen nur mehr abgehakt. Q UALITÄT // Die Qualität einer Abfahrt ist für mich eine vollkommen andere, wenn ich sie mir selbst erarbeitet habe, als wenn ich Lift gefahren bin. Mittlerweile gibt mir ein Skitourentag wesentlich mehr, als ein Tag Freeriden im Gebiet. R ISIKO // Ich bin das, was ich tue. Meine Freundin weiß, dass ich wieder nach Hause komme und ich minimiere das Risiko auf meinen Touren. Für mich ist das Skifahren im freien Gelände ein Abenteuer in unserer reglementierten Welt. Ich kann tun, was ich will, aber es muss mir bewusst sein, dass jede meiner Handlungen Konse- quenzen nach sich zieht. S TEILHEIT // Steilheit fängt dort an, wo du dich nicht mehr wohlfühlst. Menschen nehmen Steilheit unterschiedlich wahr, je nach Verfassung und Bedingungen. Auch ich: Dieselbe Route bin ich bei schlechten Bedingungen mit dem Eispickel in der Hand gefahren, bei guten Verhältnissen Vollgas. Steilwandbefahrungen fangen ab 45° an, würde ich sagen, die Cima Tosa hat 47°. Das steilste, was ich je gefahren bin waren 57°, mehr geht für mich nicht. T IEFBLICK // Der Tiefblick ist bei jeder Steilwandbefahrung einer der Schlüsselmo- mente: Überwältigend, aber manchmal auch angsteinflößend. In der Königswand war es der Tiefblick, der uns beinahe zum Umdrehen gebracht hat. U MDREHEN // Ich hab oft umgedreht, in Pakistan, oder auch am Hornkopf. Man muss einfach auf den Bauch hören, auch wenn es nur mehr 50 Höhenmeter auf den Gipfel sind. Wenn man sich nicht danach fühlt, dann ist auch meistens was. Dann sollte man aber immer noch in seiner Komfortzone sein, denn ansonsten wird dir schlecht und du bekommst richtig Angst. Es gibt keine Heroes im Gelände, das gilt für Steilwände genauso wie für den Powdertag mit Kumpels. Wenn die Lawine geht, hast du vorher schon alles falsch gemacht. Lieber einmal öfter auf den Bauch hören und umdrehen als tot. V ORBILDWIRKUNG // Damals wie heute gilt: Was in den Filmen gemacht wird, ma- chen die Kids nach. Meiner Meinung nach sollte in den Filmproduktionen daher nicht nur gezeigt werden, dass Lawinen ausgelöst werden können, sondern auch, dass das nicht alles easy going ist: Auch den Pros schlackern nach einer Lawine die Knie! W ETTBEWERB // Für mich persönlich hat der Wettbewerbsgedanke im Freeriden keinen Platz. Für andere ist das völlig in Ordnung, aber ich muss den Leuten, mit denen ich unterwegs bin, nichts beweisen. In der Steilwand musst du dein Ego zu- rücknehmen und dich auf das, was du tust, konzentrieren. Y EAH! // Ja klar, wenn eine Befahrung glückt, vor allem, wenn sie schwierig war, dann schreit man unten vor Glück! Z UKUNFT // Für das kommende Frühjahr steht ein Filmprojekt mit Andi Gasser im Drei-Länder-Eck Italien, Slowenien und Österreich an, mit dem wir die Schönheit unserer Landschaft zeigen wollen. Und mit Peter Ortner plane ich einen Trip nach Peru: Bergsteigen, Skifahren und Radfahren. Jetzt freue ich mich jedenfalls erstmal auf die Zeit zuhause. PS: Ja, das X fehlt. ;-) KREUZKOFEL GROSSGLOCKNER HOCHGRABE AUFSTIEG // HOCHGRABE
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