Bergstolz Issue No. 81
41 DOLOMITEN „Hat einer von euch meinen zweiten Socken gesehen?“ - „Nee, aber hier ist ein Handschuh von dir, falls du den noch suchst!“ Hier drin stinkt es unfassbar, im Grunde genommen nach Ski- socken, die tagelang genutzt wurden, aber auffindbar sind sie trotz- dem nicht. Wir befinden uns in einem kleinen Kabuff in einem Keller eines Hotels und machen uns gerade startklar. Fenster oder Lüftung gibt es keine! Letzten Endes hat das sogar was Gutes, denn nun beeilt sich jeder von uns dreien enorm, um aus diesem stinkenden Kellerloch so schnell wie möglich raus zu kommen. Wir - Lukas, Luis und ich, ambitionierte Skifahrerfreunde - sind in den Dolomiten, genauer gesagt in einem kleinen Dorf hinter San Martino. Dem Namen nach zu urteilen, könnte das überall in den Dolomiten sein, und tatsächlich ist es auch so.Wie üblich bei einem Ausflug zu den spitzen Felsgiganten bekommen wir auch hier den grandiosen italienischen Cappuccino und den süßen Git- terkuchen zum Frühstück serviert. Dolce vita! Nachdem wir vor zwei Tagen den Rinnen Klassiker Valscura mit Ski gefahren sind, haben wir uns gleich in einem Bergführerbüro erkundigt, was es hier sonst noch in dieser Art zu genießen gibt. Unsere Neugierde und unsere Vorfreude sind groß. Der braun- geröstete Bergführer verweist uns auf unser Anliegen hin direkt in die „Canale Holzer“. Nur haben wir hinter diesem weiteren Klassi- ker bereits ein Häkchen setzen dürfen. So versuchen wir unseren Punkt genauer zu erläutern: „Hast du noch eine Idee für etwas Wil- deres, etwas, das nicht so überlaufen ist, einen Geheimtipp?“.„Hmm ... nun ja …“, er zögert: „Am Ende von diesem Tal soll es anschei- nend noch eine versteckte Rinne geben“, er deutet mit seinen breiten Kletterfingern auf der ziemlich zerschundenen Landkarte herum. „Da ist, glaube ich, der Eingang zu dem Colouir.“ Auf die Frage hin, ob wir ein Seil mit einpacken sollten, meint er nur: „Ich glaube da ist ein Abseiler drin, der Bohrhaken dazu sollte auf einem Fels- block auf der rechten Seite sein …glaub ich.“. Wir schenken seiner Aussage auf jeden Fall sehr viel Glauben und machen uns in guter Stimmung auf denWeg.Wie bei den meisten Zustiegen wandern wir zunächst auf einer schattigen Forststraße entlang. Relativ zügig erreichen wir die Baumgrenze und von hier wird endlich die Sicht zum geplanter Zustieg der Rinne frei. Puh - einen so großen und steilen Hang haben wir nicht erwartet. Die Lawinenlage ist nicht optimal und wir sind mit dieser Hangaus- richtung in dieser Gegend noch nicht vertraut. Nach ausführlicher Besprechung und Abwägungen entscheiden wir uns schließlich dagegen. Dafür geht es ab in die Sonne! Während wir in der prallen Sonne gen einen kleinen Gipfel watscheln, freuen wir uns darüber, wie gut wir es doch haben, denn zu Hause in den Nordalpen herrscht ein trübes grau in grau Wetter. Oben angekommen, locken unzählige Rinnen mit der Ab- fahrt Richtung Norden, nur wissen wir nicht welche uns unten wieder ausspuckt. Um die Ecke können wir nicht blicken und durch die Felsen sowieso nicht, trotzdem entscheiden wir uns Bergstolz Ski & Bike Magazin • 01 | 2019
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