Bergstolz Issue No. 81
42 DOLOMITEN Bergstolz Ski & Bike Magazin • 01 | 2019 ziemlich rasch - dieses Mal gegen die Sonne. Schon nach ein paar ungewissen Schwüngen wird die Sicht ins Tal frei. Juhu - ein großes unverspurtes Kar tut sich auf. Wir jodeln den Hang hinunter, wie einst Hansi Hinterseher, zumindest hört sich das für uns mit dem Echo so an. Abends eiern wir ohne den Schein unserer Stirnlampen durch eine komplett geeiste Bobbahn ins Tal - vielleicht hätten wir es bei der einen Abfahrt lassen sollen und nicht nochmal hinauf, um eine andere Rinne auszuprobieren. Immerhin konnten wir eine bessere Perspektive auf die eigentlich geplante Tour erhaschen, vor allen Dingen konnten wir oben auf dem Plateau entspannt die Nachmittagssonne genießen. Aber jetzt hier drin, in der mit Holz- brettern begrenzten und Glatteis gefüllten Rinne, fühlen wir uns ziemlich gefangen und rutschen in kaum kontrollierbaren Pflugbögen durchs Ziel. Das Erwachen am nächsten Morgen wirkt gleich etwas erträgli- cher, da wir mittlerweile den Skischuhtrockenraum gefunden haben. Heute wollen wir nochmal den Geheimtipp vom Berg- führer nachgehen. Also, gleicher Cappuccino, gleicher Gitterku- chen und der gleiche Zustieg mit der gleichen Forststraße von gestern. Gestern Abend, meinten wir erkannt zu haben, dass der Zustiegshang doch nicht so steil wirkt, nun stehen wir jedoch davor und sicher sind wir uns wieder nicht. Das heißt für uns: Schneeprofile graben, Meinungen austauschen, mögliche Optio- nen durchsprechen. Zum Schluss sind wir uns einig: Objektiv spricht nichts dagegen. Im Hang selber halten wir einen gehörigen Sicherheitsabstand, sprechen nur das nötigste und schleichen so sachte wie möglich bergauf. Bei jedem leisen Geräusch zucken wir zusammen, auch wenn es nur ein Flieger in zehntausenden Metern Entfernung ist. Und dann, auf den letzten drei Metern bevor wir oben angekommen sind - Rumms - meine Bindung geht auf und der Ski saust hinab und bleibt nach zwei Über- schlägen wenige Meter unter uns stecken. Glück gehabt! Ein bizarrer Anblick von hier oben, ich fotografiere, wie die beiden im Nebel von der Rinne aufgesogen werden. An runterfetzen denkt nun keiner von uns, denn bald könnte sich hier im Nebel ein Abbruch auftun. Und tatsächlich, hier gehts nicht weiter. Das vermutliche Pillow auf dem wir stehen, wird als der Felsblock mit dem Abseilhaken ausgemacht, nur wo um Himmels willen soll der Bold stecken? Wir beginnen die rechte Seite des Felsens auszu- graben, dann die linke Seite, aber von einem Haken ist keine Spur. Also graben wir noch tiefer, erst rechts, dann links. Und wieder … kein Haken zu finden. Nach einer Stunde Buddlerei und Sucherei haben wir uns einen eigenen Stand gebaut und seilen ab. Nanu, der Abseiler ist doch kürzer als gedacht, da hätten wir ja auch run- ter hüpfen können. Jetzt wird es eng. Unser Ziel war es, Steile und schmale Rinnen zu fahren, und je steiler und schmaler sie werden, umso besser. Die Grenze des Fahrbaren haben wir nun aber tatsächlich überschritten.Mit angehaltener Luft zwängen wir uns durch den Spalt. Den Rest der Abfahrt genießen wir, denn ein zwei Skilängen breiter Korridor kommt uns nun vor wie ein ganzer Bolzplatz für uns alleine. Nach einem entspannten Ruhetag am Passo Pordoi zum Rinnen- scheppern mit Liftzustieg verlegen wir unsere Schlafplätze wieder ins Auto nach Cortina d’Ampezzo. Den Ausflug in den Süden genießen wir vor allem kulinarisch, mittags mit einem Panini zum Espresso und Abends mit der Pizza zum Bier. Unser nächster Plan ist die Tofana di Mezzo Westwand. Guten Glückes können wir uns hier einen mächtigen Zustieg mit einem Liftticket erkaufen und in der Gipfelstation wieder einmal in der italienischen Kultur mit einem Espresso und einem Cornetto schwelgen. Doch irgendwie fühlen wir uns hier etwas fehl am Platz: Bepackt wie für eine Mondexpedition mit zwei 60 Meter Stricken, Pickel und dem Gurt um die Hüften geschnallt inmitten von einer Horde von Tagestouristen. Hoffentlich schleifen wir das ganze Geraffel nicht umsonst mit. Nach einer längeren Wühlerei dem Klettersteig empor im hüfttiefen Schnee erreichen wir bei sau kaltemWind den Gipfel. Nix wie runter hier - Oha! Gar nicht so flach hier! Die Sonne hatte sich für uns schon nach wenigen hundert Höhenmetern Zustieg verabschiedet, während im Skigebiet die Sonnenterrassen prall gefüllt sind, friert es uns hier enorm. Es fühlt sich an, als ob wir von einem riesigen Trichter verschlun- gen werden. Jetzt schimmert die Sonne auch noch durch die Wolken und das Glitzern nimmt kein Ende. Gigantisch! Es ist schon unfassbar steil und wahrscheinlich sind wir die Ersten, die in dieser Saison hier ihre Spuren ziehen. Schon ein wenig zum Fürchten ist das Ganze, aber genau das wollten wir ja. Am Ende der Rinne wartet der Abseiler, für den wir das ganze Materialzeugs mitschleppen. Anscheinend kann man über diesen Abseiler im Frühjahr einfach hinweg fahren. Wir datieren aber Februar, und was für ein Glück: Die 2x60m Seil reichen exakt genau bis zum Grund, wie ausgemessen. Unten angekommen, öffnet sich das Tal und wir ziehen doch irgendwie erleichtert in großen Schwüngen davon. Als wir in der Dämmerung zurück zum Auto schieben schwirrt uns eine Frage in den Sinn. „Kann man sich eigentlich beim Rinnescheppern braun rösten?“
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