Bergstolz Issue No. 135

Manchmal sind es genau diese Zufälle, die eine Reise unvergesslich machen. HITZEFLUCHT & MUSCHI-FILET Am zweiten Tag zwingt uns die Hitze zur Kapitulation. Wir gehen ins Freibad: DJ, Pool, Sommer-Delirium. Wir ergeben uns dem Wetter und der Erkenntnis, dass selbst ambitionierte Heli-Biker Grenzen haben. Bevor es in die Berge geht, steht noch ein strategischer Zwischenstopp im Einkaufszentrum an. Ich brauche dringend Speicherplatz für meine Kamera, denn meine Speicherkarte liegt zuhause. Nebenbei decken wir uns mit Reiseproviant ein. Darunter: „Muschi Filet“, rumänisch für aufgeschnittenen Schinken, wie uns Răzvan erklärt. Unsere Gesichter: unbezahlbar. Mitten im Einkaufszentrum entdecken wir einen Stand mit motorisierten Plüschtieren, auf denen Kinder durch die Mall cruisen können. Die Verkäuferin versichert uns, sie halten bis 80 Kilo aus. Fünf Sekunden später sitzen wir auf vier motorisierten Tieren. Natürlich liefern wir uns ein Rennen. Natürlich geht es um Prestige. Natürlich geht es um den besten Platz im Heli. (Spoiler: Wir werden alle hinten sitzen.) Mit neuer Speicherkarte und blinkendem Armaturenbrett machen wir uns schließlich auf den Weg nach Muntele Mic. 2,5 Stunden Fahrt liegen vor uns, raus aus der flirrenden Hitze der Stadt, hinein in die Berge Rumäniens. Und dort beginnt das eigentliche Abenteuer. ANKUNFT AM SPIELPLATZ DER DUNCAS: Boost Mode, Bärenhunde und ein bisschen „illegal in Austria“ Unser bunt leuchtendes Mietauto kämpft sich Richtung Muntele Mic. Der Berg liegt im Südwesten Rumäniens im Kreis Caraș-Severin und gehört zum Țarcu-Massiv der südlichen Karpaten. Mit knapp 1.800 Metern Höhe ist er vielleicht kein Riese, aber definitiv der perfekte Ausgangspunkt für ein Abenteuer, das man in dieser Form in den Alpen wohl kaum erleben könnte. Oben angekommen checken wir in unserer Unterkunft Montis Hotel & Spa ein. Die Luft ist merklich kühler als in der Stadt, die Vorfreude hoch. Wir ahnen noch nicht, dass wir gerade in das private Wohnzimmer einer rumänischen Heli-Dynastie eingetreten sind. Am Parkplatz vor dem Hotel lernen wir sie kennen: Cristi Dunca, unser Guide für die nächsten Tage, und seinen Vater Romeo Dunca. Romeo ist Gründer von Heliski Romania, einem Familienunternehmen, das ursprünglich Heliskiing in den rumänischen Karpaten etablierte und später auch Heli-Biking-Touren entwickelte. Romeo ist eine Persönlichkeit, die zu beschreiben, ein Buch nicht reichen würde. Abenteuer scheint bei den Duncas ohnehin genetisch veranlagt zu sein. Romeo war der erste Rumäne, der die Paris–Dakar Rallye beendete, er hat sowohl den Nord- als auch den Südpol auf Skiern erreicht und stand sogar auf dem Gipfel des Manaslu (8163 m) im Himalaya. Aktuell fliegt er seinen dritten Helikopter. Zwei hat er bereits „aufgestellt“. „Only one was my fault“, sagt er trocken. „The other time another pilot flew. And nobody was injured…“ Na dann. Und man glaubt es ihm. Nicht, weil es beruhigend klingt. Sondern weil er dabei so selbstverständlich wirkt, als würde er über einen Kratzer im Autolack sprechen. Mit einem Pickup bringt uns Cristi noch weiter den Berg hinauf. ROMEOS BABY: DER AIRBUS H125 Auf halber Höhe stoppen wir an der legendären Sky Lounge, im Winter Après-Ski-Hotspot, im Sommer Heli-Spielplatz. Dahinter steht er: Romeos Baby, der Airbus H125, ein Helikoptermodell, das für Hochgebirgsflüge gebaut wurde und als einziger Helikopter jemals auf dem Gipfel des Mount Everest gelandet ist. Unsere E-Bikes, die wir vor Ort von den Duncas leihen, werden auf einem speziell konstruierten Bike-Ständer montiert, der unter dem Heli an einem Seil hängt. Fabs, selbst Pilot einer Boeing 777, fragt nach den Safety Procedures. Romeo steckt demonstrativ den Finger in den Mund, hält ihn in den Wind: „I must check the wind. It’s good. Let’s go.“ Ein weiterer Satz für die Ewigkeit: „Do you see what we do now? Also illegal in Austria.“ Damit meint Romeo wohl das Startprozedere, das bei uns zuhause wohl nicht so schnell durchgeführt werden dürfte. Aber Romeo und sein Baby sind ein eingespieltes Team. Und genau dafür lieben wir dieses Abenteuer. Wir fühlen uns nie unsicher. Aber alles wirkt … freier, ungefilterter, weniger reglementiert. Die Berge scheinen Romeos und Cristis Spielplatz zu sein und wir dürfen mitspielen. DROP AM ȚARCU PEAK Romeo setzt zuerst die Bikes ab, danach landen wir daneben. Wenige Minuten später fliegt er mit dem leeren Bikeständer wieder zurück Richtung Muntele Mic. Da stehen wir nun: fünf E-Bikes mitten in den Karpaten. Kilometerweit keine Menschenseele. Heli-Biking wurde hier 2018 von der Familie Dunca eingeführt, 17 ROMANIAN ROMANCE / PART ! Bergstolz Ski & Bike Magazin • 02/2026

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