REALITÄT
BERGSTOLZ Ski Magazin Dezember 2015 | Seite 21
Bespreche ich Skifilme mit Zuschauern, so bekomme ich – speziell von jenen, die unserer Sache nicht sehr
nahe stehen – oftmals zu hören, das Gezeigte hätte wenig mit der Realität zu tun.Wir würden den Eindruck
vermitteln, das ganze Jahr nur in tiefem Schnee, bei besten Bedingungen unterwegs zu sein. Jeder weiß,
dass dies, speziell in den Alpen, in den vergangenen zwei Saisonen, also dem Zeitraum des Drehs für Legs
Of Steel`s Zweijahresprojekt „Passenger“, kaum der Wahrheit entsprach.
Andererseits muss man sich die Frage stellen, was der Anspruch eines klassischen Skimovies sein möchte.
Die möglichst objektive Darstellung der Realität? Ich denke nicht, dass der Zuschauer grüne Hänge im Februar
sehen möchte oder Schneefall, der ausschließlich aus Schneekanonen kommt, genau so wenig wie Skifahren
auf einer 20cm dünnen Schneedecke. Es sind Illusionen, die wir verkaufen, das Material aus dem auch unsere
eigenen Träume sind. Würde man sich strikt an der Realität orientieren, wer würde schon all die Energie und
Zeit investieren, um dann doch zu 90% in sub-perfekten Bedingungen unterwegs zu sein?Wir jagen jenen Träu-
men nach, welche wir selbst produzieren. Zudem muss man sich vor Augen halten, was der Begriff der Realität
für uns bedeutet. Rückblickend, so gaukeln wir uns vor, sind die Winter dann doch meist nicht so schlecht ge-
wesen, wie sie objektiv betrachtet waren. Es sind meist nur die Highlights, die uns im Gedächtnis bleiben - der
tiefe Powder hier, die fette Line dort. Freeskiing ist ein emotional erlebter Sport und damit stark subjektiv.
Es geht im Gegensatz zu den klassischen Sportarten nicht um Zeiten oder Weiten und Wettkämpfe sind auch
deshalb umstritten, weil wir früher oder später alle erkennen, dass Leistung bei uns nicht objektiv bewertbar ist.
Worauf ich hinaus will ist, dass die Realität bei unseren Erlebnissen stark vom Blickwinkel abhängig ist. Jeder
erlebt die Bedingungen, das Gelände, die Natur und die Anstrengungen unterschiedlich.
Das ganze Leben ist subjektiv und es soll Menschen geben, welche die Realität als solche in Frage stellen. Aber
speziell in den „Free“ Sportarten, wo jeder eine ganz eigene Definition von Leistung, Style und den perfekten
Bedingungen aufstellt, kann es gar nicht der Anspruch unseres Mediums sein, die Wahrheit abzubilden.
Die Wahrheit meines Blickwinkels auf die Winter von 2013 bis 15 in heimischen Breitengraden wird in
„Passenger“ meiner Meinung nach ganz gut dargestellt. Es sind Erinnerungen an zwei Saisonen, welche ich zu
großen Teilen in mir bis dato unbekannten Gebieten verbracht habe, Erinnerungen an Berge, Menschen und Si-
tuationen, eine Melange aus wenigen, aber intensiven Highlights.
Meine Grundmotivation, an dem Projekt mitzuwirken war es ursprünglich, die Grenzen des Skifahrens und
dessen filmische Darstellung im heimischen Alpenraum ein klein bisschen zu verschieben. Ich hatte eine klare
Hitlist von Spots und Ideen von Lines, die ich unbedingt machen wollte und das unbestreitbare Talent der ge-
samten Legs of Steel Crew sollte dies auch ermöglichen. Mein persönlicher Beitrag zum Projekt – so der Plan –
sollte die Message sein, dass man nicht um die halbe Welt fliegen muss, um Skifahren auf Weltklasseniveau zu
filmen. Der Produktionszeitraum von zwei Jahren sollte es schon erlauben, an irgendeinem Punkt entsprechende
Bedingungen vorzufinden. Und so begann das Warten...




