REALITÄT
BERGSTOLZ Ski Magazin Dezember 2015 | Seite 23
Wir alle wissen ungefähr, was in den vergangenen Wintern im deutsch-österreichischen Raum los
war. Der Schnee kam einfach nicht und langsam aber sicher setzte sich die Erkenntnis durch, dass es
zunächst wohl schlecht aussehe mit meinem Ziel, die Heimat neu zu entdecken. Einziger Lichtblick:
übertrieben große Schneemassen im südlichen Teil der Alpen. Ganze Täler südlich des Alpenhaupt-
kamms waren in der Saison 14/15 von der Außenwelt abgeschnitten, es schien, als wäre dort das
gelobte Land für unsere kleine Subkultur der Skifilmer. Vor Ort stellte sich die Lage aber stets als
etwas komplizierter als erwartet dar. Entweder waren es Wärmeeinbrüche oder die allgemeine Lawi-
nenlage, welche es unverantwortlich erscheinen ließen, ernsthafte Lines anzugehen. Wir versuchten
unser Glück in den Dolomiten, im Engadin und auch im nördlichen Alpenraum, mussten aber vor Ort
immer wieder feststellen, dass die Bedingungen den Ansprüchen an unsere Produktion nicht genügten.
Wir Freerider mussten oft wieder unverrichteter Dinge abziehen, während wir uns wenigstens für un-
sere etwas Freestyle lastigeren Kumpels freuen konnten, die ein paar Backcountry Jumps killten.
Unsere Recherchen führten uns schließlich ins versteckte Osttirol, eine Region, welche ich vor Jahren,
in der Zeit meiner ersten Ausflüge ins Backcountry, kennengelernt hatte. Verschwommene Erinnerun-
gen unbeschwerter Jugendjahre kamen zurück und das magische Gefühl von damals, ganz große
Abenteuer vor sich zu haben war plötzlich wieder präsent. Kurzentschlossen machte ich mich allein
über den Felbertauern auf den Weg, um mögliches Gelände auszuchecken.
Hinter dem Hauptkamm eröffnete sich eine ganz neueWelt. Es war, als würde man die Jahreszeit wechseln
und man befand sich plötzlich wieder im tiefsten Winter. Das Gelände stellte sich als erstaunlich heraus,
genauso wie die Gastfreundschaft der Menschen vor Ort.
Leider mussten wir feststellen, dass verschiedene Lines und Zonen, welche in Frage kamen, für unsere
Zwecke noch nicht geeignet waren: die Ausschlusskriterien für einen Skifilm auf diesem Niveau sind
groß und neben Schneelage, Lawinensicherheit, Exposition undWetter müssen auch die Lichtverhält-
nisse stimmen. Die Zone, welche wir im Blick hatten, verfügte über alles, was das Herz begehrt: eine
Bowl, gespickt mit Spines, Cliffs, Diving Boards und technischen Lines, von extrem Steil bis mellow
und verspielt. Leider war es mal wieder wie verhext. Die Sonne wollte einfach nicht reinblitzen, auch
wenn es schon extrem knapp war. Um die Konturen erkennen zu können, brauchten wir einfach Son-
nenlicht und dies war noch nicht da in dieser Zeit des Jahres. Den Locals zufolge würde es nur noch
wenige Tage dauern, bis die Sonne den Vorgipfel überwinden und die ganze Zone mit herrlichem
Streiflicht treffen würde.
Da die Lines meist einen kritischen Auslauf hatten, war die Entscheidung, diese bei den gegebenen
Lichtverhältnissen erstmal nicht zu befahren, schnell getroffen.Wir würden kommen, sobald die Sonne
uns grünes Licht geben würde.
So wurde für mich die lange Fahrt in den Süden fast schon zur Routine. Sollte es eigentlich frustrieren,
immer wieder festzustellen, dass die Sonne doch noch nicht hoch genug stand oder die Bedingungen
nicht perfekt waren, so empfand ich es doch als unglaubliches Privileg, in diese doch ganz andere
Welt immer wieder einzutauchen. Es war zwar mühsam, aber die Bekanntschaften und das neu zu
entdeckende Gelände in der überwältigenden Natur schenkten mir Erinnerungen, die ich nicht missen
will. Und auch, wenn besagte Zone letztendlich erst ins Licht kam, als die Temperaturen schon wieder
angezogen hatten und sich langsam der Frühling durchsetzte, so nehme ich aus dieser Zeit Erinne-
rungen, kurze, magische Momente mit. Einige davon kann man glücklicherweise in „Passenger“ nach-
empfinden. Im Nordteil der Alpen ließ der Winter derweil weiterhin auf sich warten. Trotzdem
versuchten wir es einige Male und speziell die Missionen mit Fabi Lentsch im Pitztal und in Obergurgl
blieben mir dabei in Erinnerung.
Nachdem Fabi Lentsch gerade den für mich besten Contestrun aller Zeiten hingestellt hatte, bekam
ich den Anruf, dass die Verhältnisse vor Ort in Obergurgl gut waren. Kurzerhand packten wir unser
Equipment und machten uns auf den Weg. Die Locals waren so nett, für den neugebackenen Tiroler
Volkshelden samt Anhang eine Unterkunft zu stellen und das Wetter sah gut aus.
So empfing uns Fabi in der Früh, nach durchzechter Nacht aber ohne jegliche Ermüdungserscheinun-
gen und zeigte uns das Gebiet, welches er gesichtet hatte.Wir waren alle geflasht von dem Face, ge-
spickt mit Drops, stielen Rinnen und blinden Rollern. Die richtige Linie zu finden war ziemlich verzwickt,
aber nachdem wir uns hineingefuchst hatten und die Lines standen, legten wir die Felle an und mach-
ten uns auf denWeg.Was wir dann fuhren, war aus Fahrerperspektive zwar anspruchsvoll, aber leider
ist es filmisch immer extrem schwierig, große Lines ansprechend darzustellen. Auch wenn in „Pas-
senger“ nur Ausschnitte dieser zu sehen sind, bekommt trotzdem einen guten Eindruck.
Nach dieser tollen Erfahrung und der Erkenntnis, dass wir trotz unseres Altersunterschiedes von zehn
Jahren super als Team funktionieren, beschlossen Fabi und ich, einen Klassiker, die Taschach Nordwand,
mit mehr Speed zu befahren als zuvor gesehen. Fabi nahm dies wörtlich und zog fast eine Straightline
von oben bis unten durch. Sein Exit, ein enger Schlupf zwischen zwei Felsen, wurde ihm aber fast
zum Verhängnis: von oben konnte ich nur noch sehen, dass er irgendetwas erwischt hatte, was ihn
aus dem Gleichgewicht brachte, um dann im brutalsten Tomahawk, den ich je gesehen hatte, aus




