LIVIGNO
BERGSTOLZ Ski Magazin Dezember 2015 | Seite 65
Freeride. EinWort, das sich auf eine einzigartige und nie vorhersehbareWelt bezieht.
Es ist nicht leicht zu beschreiben, was Freeride für mich bedeutet, aber es hat auf
jeden Fall mit Freiheit, Freundschaft, Spaß, aber auch Arbeit zu tun. Und mit nicht
planbaren Erlebnissen in der Wildnis. Meiner Meinung nach geht es beim Freeriden
nicht nur um Tiefschnee, es ist vielmehr ein Teil meiner Welt, ein Lebensstil, bei dem
man sich, weit weg vom Alltag, Zeit für sich selbst nimmt und völlig in die Natur
eintaucht.
Mit dem Freeriden begonnen habe ich schon als Kind. Damals sprach man allerdings
noch nicht vom Freeriden, sondern vom Tiefschneefahren. Ich hatte riesigen Spaß mit
meinen Freunden, wenn ich den Nervenkitzel des Skifahrens im Powder gespürt habe,
abseits der Pisten und im Schnee, der bis zu den Knien reichte. Mit der Zeit war ich
dann lieber auf Telemark- als auf normalen Skiern unterwegs, weil ich mit ihnen den
Powder besser und mit mehr Freiheit spüren und genießen konnte. Irgendwann reichte
uns der Tiefschnee abseits der Pisten aber nicht mehr aus und wir haben größere
Gebiete erkundet. Und jetzt bin ich 29 Jahre alt und übe meine Arbeit als Bergführer
in Livigno mit genau der gleichen Leidenschaft aus, mit der ich damals unterwegs war.
Was ich am Freeriden in Livigno am meisten liebe, ist, dass man hier überall, auf jeder
Bergseite, fahren kann. In manchen Gegenden sind viele Hänge zu steil oder zu felsig,
hier hingegen ist jeder Ort perfekt zum Freeriden geeignet, dazu gibt es ein 250 Qua-
dratkilometer großes Backcountry-Gebiet. Außerdem haben wir hier in Livigno immer
Schnee: Ich ziehe die Skier Mitte November an und bis in den April hinein, wenn ich
dann im Tiefschnee unterwegs bin, ziehe ich sie nicht wieder aus. Was ich außerdem
großartig finde, ist, dass man in nur zehn bis fünfzehn Minuten direkt vom Tal aus die
unberührten Hänge erreicht, wo noch niemand seine Spuren hinterlassen hat. Diese
bezaubernden Orte sind auch über die Skipisten erreichbar und daher auch fürs Ski-
tourengehen geeignet, das in den letzten Jahren in unserem „Kleinen Tibet der Alpen“
immer mehr zugenommen hat.
Was ich an Livigno schätze, ist die Sicherheit. Sie steht an erster Stelle. Vor zwei Jahren
wurde das „Freeride Projekt“ gestartet. Es ist einzigartig in Italien und gilt europaweit
als Vorbild, da man in Echtzeit über die aktuellen Schneebedingungen und die Lawi-
nengefahr informiert wird. Das ist total praktisch: Am Morgen, wenn ich aufwache,
checke ich auf der Webseite
www.livigno.euoder in der App „My Livigno“ den Schnee-
bericht. Danach treffe ich mich mit meinen Freunden, wir entscheiden uns für ein
Tagesziel und arbeiten die Route aus. Auch an den Liftanlagen können wir den Schnee-
bericht und eventuelle Änderungen einsehen, und dann geht es los, ab in den Tief-
Foto_Giacomo Meneghello
Foto_Daniele Molineris




