Chamonix
Wo das Moutainbike noch Gast ist

Chamonix

Text: Kathi Kuypers 
Fotos: Nathan Hughes

Chamonix muss man eigentlich nicht vorstellen. Mont Blanc, Aiguille du Midi, Gletscher, Couloirs, Steilwände und eine Skigeschichte, die bis heute ihresgleichen sucht. Wer hier im Winter unterwegs ist, bewegt sich auf den Spuren von Alpinisten, Freeridern und Skifahrern, die das Spiel mit der Schwerkraft immer weitergetrieben haben. Also genau der richtige Ort für mich.

Ich bin allerdings nicht mit Ski angereist. Ich habe das Marin Alpine Trail EXR eingepackt. Und damit fühlt sich Chamonix plötzlich ein bisschen anders an. Als ich ankomme, zeigt mir der Local und Fotograf Nathan Hughes zunächst die Stadt. Wir rollen durch Chamonix, vorbei an Cafés, Bergsportläden und den klassischen Kulissen des Mont-Blanc-Tals. Ein Ort, an dem die Berge nicht irgendwo am Horizont stehen, sondern unmittelbar hinter den Häusern aufragen. Nathan kennt die Gegend gut und führt mich unter anderem zum Placette de la Tounoubre, wo wir uns erst einmal Kaffee und Kuchen gönnen.

Am nächsten Morgen wechseln wir das Verkehrsmittel. Mit der Aiguille-du-Midi- Bahn schweben wir auf 3.842 Meter. Innerhalb weniger Minuten verändert sich die Welt. Unten liegt Chamonix, dann verschwindet der Wald und plötzlich stehen wir mitten im Hochgebirge.
Hier oben beginnt unter anderem die legendäre Vallée Blanche. Rund 20 Kilometer lang, mit ungefähr 2.800 Höhenmetern, führt die Abfahrt durch eine spektakuläre Gletscherlandschaft mit Spalten und gewaltigen Gipfeln. Und genau das erklärt einen Teil des Mythos Chamonix: Hier ist das Gelände nicht einfach nur steil, es ist supersteil.

Die Geschichte des Extrem-Skifahrens wurde hier maßgeblich mitgeschrieben. In den 1960er-Jahren fuhr Sylvain Saudan, der „Skieur de l'impossible“, Hänge mit mehr als 50 Grad Neigung. Später folgten Fahrer wie Patrick Vallençant und Anselme Baud mit Linien, die heute zu den Klassikern des extremen Skifahrens zählen. Chamonix steht deshalb weniger für den gemütlichen Skizirkus als für Freeride, Steilwand und Hochgebirge. Die Aiguille du Midi ist dafür das perfekte Symbol. Der schmale Grat, über den sich Skifahrer teilweise zunächst mit Steigeisen bewegen müssen, bevor überhaupt die Ski angeschnallt werden, ist bereits Teil des Abenteuers. Aber genau das macht die Sache spannend. Auch wenn ich mein EMTB auf dem Midi nicht mitgenommen habe und hier mit den Bergschuhen unterwegs bin, frage ich mich stets, während unter mir die berühmten Skiabfahrten beginnen: „Was würde hier wohl mit zwei 29-Zoll-Reifen funktionieren?“
Zurück im Tal wechseln wir die Perspektive. Rund um Le Tour beziehungsweise Balme gibt es im Sommer Trails und Bike-Angebote. Und hier merkt man schnell: Wenn Chamonix Mountainbike will, dann kann es das auch richtig gut. Die Landschaft ist dafür ohnehin gemacht.

Steile Hänge, natürliche Geländestufen, felsige Passagen, Wurzeln und jede Menge Höhenmeter. Dazu diese Kulisse, bei der man sich manchmal fast dabei erwischt, mehr nach oben als auf den Trail zu schauen.
Bei einigen Jumps im Bikepark sollte man allerdings genauer hinschauen, bevor man einfach blind loslegt. Meine Vermutung: Die Wintersport-Freerider haben sich hier im Sommer mit der Schaufel ordentlich ausgetobt.
Außerhalb der ausgewiesenen Bike-Infrastruktur wird es allerdings komplizierter. Chamonix ist keine Destination, in der man einfach davon ausgehen kann, dass jede Sommerbahn das Mountainbike mitnimmt oder jeder Wanderweg automatisch auch ein Bike-Trail ist. Das ist vielleicht einer der größten Unterschiede zu klassischen Mountainbike-Destinationen.

In Whistler, Finale oder Leogang ist das Mountainbike Teil der touristischen DNA. In Chamonix ist es eher ein Gast, der sich seinen Platz noch sucht. Und genau deshalb habe ich das eMTB eingepackt. Denn wenn der Lift nicht fährt oder keine Bikes mitnimmt, muss ich eben selbst hoch. Und dafür ist ein eMTB in dieser Gegend ziemlich praktisch. Wir fahren weiter nach oben und checken die Höhenwege rund um die Chalets de Charamillion aus. Schon die Auffahrt macht klar, dass Chamonix keine Region für gemütliches Kilometer-Sammeln ist. Die Wege ziehen sich steil durch das Gelände, immer wieder unterbrochen von technischen Abschnitten.
Dann kommt der Moment, auf den man beim Uphill eigentlich die ganze Zeit wartet: Der Weg wird schmaler, die Geschwindigkeit steigt und aus dem Höhenweg wird plötzlich ein Trail.

Das Bike fühlt sich leicht genug an, um es auch durch enge Passagen zu drücken, gleichzeitig gibt die zusätzliche Motorleistung die Möglichkeit, auch technische Gegenanstiege nicht sofort zum Schiebestück werden zu lassen. Und genau darin liegt für mich der Reiz eines eMTBs. Es geht darum, mehr fahren zu können, mehr zu erkunden. Meine Neugier wird immer größer, was Chamonix zu bieten hat. Am nächsten Tag geht es die Forêt communale Bergstraße hoch. Der Plan ist simpel: Höhenmeter sammeln, weiter nach oben und möglichst viel Trail- Zeit herausholen. Die Forststraße zieht sich steil durch den Wald, sehr steil. So steil, dass ich es irgendwann sogar anspruchsvoll finde im Tour-Modus mit dem EMTB zu treten. Dann kommt das Geräusch, das jeder Mountainbiker kennt und niemand hören möchte:
Klonk. Kette gerissen. Zum Glück gehört ein Kettenschloss für mich genauso ins Gepäck wie Helm und Handschuhe. Ein paar Handgriffe später ist die Kette wieder zusammen und weiter geht's. Solche kleinen Pannen gehören für mich zum Mountainbiken genauso dazu wie zerkratzte Schienbeine. Man kann noch so viel planen – irgendwann kommt immer irgendetwas.

Und genau deshalb sollte man gerade bei alpinen Touren nicht nur auf Reichweite und Akkukapazität schauen, sondern auch auf das kleine Reparaturset. Denn wenn der nächste Lift mehrere Kilometer entfernt ist, wird aus einem kleinen Defekt ziemlich schnell ein großer Fußmarsch.

800 Wattstunden um meine Neugierde zu befriedigen
Unser Ziel ist die Flégère. Der Bereich rund um die Bergstation liegt auf knapp 1.900 Metern und öffnet den Blick weit über das Tal und hinüber zum Mont Blanc. Wir fahren bis zum Refuge de la Flégère und noch ein Stück weiter. Spätestens jetzt zeigt sich, was unser eMTB kann.
Die Anstiege sind teilweise so steil, dass man irgendwann nicht mehr nur gegen den Berg, sondern auch gegen die eigene Traktion kämpft. Gerade auf losem Untergrund muss man sauber treten, das Gewicht über dem Hinterrad halten und gleichzeitig genug Druck auf den Lenker bringen, damit das Vorderrad nicht irgendwann einfach einen Wheelie macht und mich abwirft. Mit einem normalen Mountainbike wäre der eine oder andere Abschnitt für mich vermutlich eher eine Frage der persönlichen Leidensfähigkeit. Mit dem eMTB wird daraus eine technische Uphill-Herausforderung. Und genau das gefällt mir. Denn ein guter Uphill kann genauso viel Spaß machen wie eine Abfahrt.

Wenn der Trail schmal wird, die Steine größer werden und man sich die Linie zwischen den Felsen suchen muss, ist man plötzlich genauso konzentriert wie bergab. Nur eben mit deutlich weniger Geschwindigkeit und mein Puls schlägt mir auch die Halsschlagader hoch. Der Motor ist der stille Partner, der mir ein solches Abenteuer überhaupt erst ermöglicht.

Das Ziel ist, oben noch genug Energie für das zu haben, weshalb wir überhaupt hier sind: Die Abfahrt. Und dann geht es runter. Nach den ganzen Höhenmetern kommt endlich der Moment, für den sich die Anstrengung lohnt. Dropper Post absenken, Pedal einklicken, Helm checken. Und dann geht es los.
Die ersten Meter sind noch relativ flowig. Das Bike beschleunigt, der Untergrund wird rauer und plötzlich ist Schluss mit entspanntem Rollen. Felsen, Wurzeln, enge Kurven. Das Alpine Trail fühlt sich genau hier in den „Big Mountains“ zu Hause. Ich liebe diese Art von Trails! Nicht unbedingt die perfekte Bikepark-Autobahn, sondern natürliche Linien, bei denen man jede Kurve lesen muss. Ein Stein liegt anders als beim letzten Durchgang, eine Wurzel ist feucht, irgendwo rutscht loses Geröll über den Trail. Man fährt nicht einfach, man reagiert. Und genau das macht Mountainbiken für mich aus.

nicht einfach nur zu bezwingen, sondern sich durch ihn hindurchzubewegen. Immer wieder öffnen sich zwischen den Bäumen die Blicke auf das Mont-Blanc- Massiv. Für ein paar Sekunden schaue ich nach links und muss mich daran erinnern, dass ich eigentlich gerade einen Trail hinunterfahre. Chamonix schafft es, selbst eine gute Abfahrt noch einmal größer wirken zu lassen.
Was mich an Chamonix besonders fasziniert, ist die Nähe zwischen Mountainbike und Alpinismus. Natürlich sind die Dimensionen andere. Ein Mountainbike-Trail ist kein Couloir. Ein eMTB ist kein Paar Ski für die Vallée Blanche. Und ein Bikepark hat wenig mit einer Expedition auf einen 4.000er zu tun. Aber die Grundidee ist ähnlich: Raus ins Gelände, Trails auskundschaften und sich mit dem Berg auseinandersetzen. Mountainbiker sind es gewohnt, dass nicht alles perfekt präpariert ist. Wir suchen Lines durch Wurzeln und Steine kämpfen uns über Gegenanstiege und tragen das Bike notfalls auch mal ein Stück. Chamonix verlangt genau ein bisschen Pioniergeist. Was mir nach diesen Tagen besonders auffällt: Chamonix fühlt sich auf dem Mountainbike noch nicht durchoptimiert an und das meine ich positiv. Es gibt keine riesige Auswahl an perfekt ausgeschilderten Trails, keine Liftstation, an der du automatisch weißt, welche Bahn dich mit Bike nach oben bringt, und nicht hinter jeder Kurve eine Trail-Crew. Dafür gibt es dieses Gefühl, etwas entdecken zu können, man muss recherchieren, Einheimische fragen und Karten studieren. Auf Trailforks findet man nicht wirklich was und manchmal muss man umdrehen. Aber mit einem EMTB nicht so schlimm und dann steht man vor einem Trail und denkt sich: Okay, das könnte jetzt richtig gut werden. Genau dieses Entdecken war einer der Gründe, warum ich nach Chamonix wollte. Denn Mountainbiken war immer auch ein bisschen Pioniersport. Die ersten Fahrer haben keine perfekt gebauten Trails vorgefunden. Sie sind mit ihren Bikes in die Berge gefahren und haben ausprobiert, was funktioniert. Chamonix erinnert ein bisschen daran. Chamonix ist anders.

Was mir von den Tagen in Chamonix am meisten bleibt, ist genau dieser Widerspruch. Auf der einen Seite ist die Region eine der großen Bühnen des alpinen Sports. Hier wurden Skigeschichte und Extrem-Skifahren geschrieben, hier führen legendäre Linien durch ein Gelände, das selbst aus der Distanz Respekt einflößt. Auf der anderen Seite steht das Mountainbike noch ein bisschen jungfräulich. Man muss wissen, wo man fahren darf, bzw kann.
Und man muss akzeptieren, dass nicht jeder Weg, der auf der Karte verlockend aussieht, auch für Bikes gedacht ist. Aber vielleicht ist genau das der Reiz. Chamonix ist keine klassische Bike Destination, die einem das perfekte Trail-Menü auf dem Silbertablett serviert. Man muss sich die Trails ein bisschen erarbeiten. Dafür wird man mit etwas belohnt, das kein Bikepark der Welt nachbauen kann. Dem Gefühl, mitten in einer der beeindruckendsten Berglandschaften Europas unterwegs zu sein.

Zwischen Mont Blanc und Aiguille du Midi, zwischen Gletscher und Wald, zwischen alten Alpinismus-Geschichten und technischen Abfahrten. Und vielleicht ist das Mountainbike in Chamonix tatsächlich noch ein Gast. Aber einer, der sich langsam seinen Weg sucht.

Ich komme jedenfalls wieder.

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