Mangystau Kasachstan
Des Ostens wilder Westen

Mangystau Kasachstan

Text & Fotos: Michael Neumann

In Kasachstan, an den Gestaden des Kaspischen Meers, lockt die Region Mangystau seit einigen Jahren Landschaftsfotografen aus der ganzen Welt. Doch kann man dort auch „gescheit“ biken? Tobi Woggon und Christian Textor aka Texi machten die Probe aufs Exempel.

Man kennt es. Unterwegs in den unendlichen Weiten des Internets sieht man immer öfter Dinge, die wunderschön scheinen, aber nicht real sind. So ging es mir auch mit dem Bild eines Tafelbergs. Sah aus, als hätte Wes Anderson bei »Dune« Regie geführt. Alles so schön bunt hier. Doch die Recherche ergab: Ist echt und liegt im äußersten Westen Kasachstans. Schnell ein Like auf Insta gesetzt und fortan in dieser Tafelberg-Blase wohnlich eingerichtet.

Und mit jeder Perspektive und weiteren surreal wirkenden Bildern aus der Region wuchs der Wunsch, diese Gegend einmal mit dem Mountainbike zu erkunden und die einzelnen Landmarken auf ihre Befahrbarkeit zu testen. Und so ging es im Herbst 2025 via Istanbul nach Aqtau am Kaspischen Meer (das ein See ist), wo uns Touroperator Redmaya empfing. Beim Auspacken unserer Bikes staunten die Kasachen nicht schlecht, hatten sie doch eher Gravelbikes als ausgewachsene Freerider erwartet.

Aqtau ist eine moderne kasachische Hafenstadt, die direkt an der kargen Wüste des Mangystau-Plateaus liegt. Sie ist die einzige Stadt der Welt, die komplett ohne natürliche Süßwasserquellen auskommt und Meerwasser entsalzt. Berühmt ist sie für ihre kilometerlange Küstenpromenade und das türkisblaue, oft karibisch anmutende Kaspische Meer. Als florierendes Zentrum der Öl- und Gasindustrie verbindet sie sowjetische Architektur mit maritimem Flair.

Nach einer letzten Nacht in der Zivilisation zuckelt unsere elfköpfige Gruppe mit drei Geländewagen und einem Hänger (darin die Feldküche) Richtung Osten. Erstes Ziel ist der sogenannte Tiramisu-Canyon. Diese Felsformation (offiziell Kyzylkup-Trakt genannt) verdankt seine Besonderheit einer faszinierenden Kombination aus Geologie und Optik, die an die berühmte italienische Nachspeise erinnert. Die sanft geschwungenen Hügel und Klippen bestehen aus perfekt abgegrenzten, horizontalen Farbschichten. Dunkelbrauner Ton, zartes Beige, sattes Rosa und strahlend weiße Kreide wechseln sich ab. Das Ganze sieht aus wie Löffelbiskuits, Mascarpone-Creme und Kaffeepulver. Die gestreiften Berge sind der freigelegte Boden des urzeitlichen Tethys-Ozeans, der vor über 100 Millionen Jahren die Region bedeckte. Die weißen Schichten entstanden in kühleren Epochen durch Milliarden winziger fossiler Kalkschalen. Die roten und braunen Schichten bildeten sich in feucht-tropischen Phasen, in denen Eisen im Wasser oxidierte – der Boden ist quasi Jahrmillionen alter, bunter »Rost«. Im Gegensatz zu den schroffen, bedrohlichen Steilklippen im nahegelegenen Bozhyra-Tal ist das Gestein in Kyzylkup extrem weich und porös. Wind und Regen haben die Hügel über Äonen glattgeschliffen. Aus der Ferne wirken sie fast so, als läge eine weiche Plüschdecke über der Wüstenlandschaft. Weil der ton- und kreidehaltige Boden so weich ist, absorbiert er Schallwellen extrem stark. Zwischen den Hügeln herrscht oft eine fast unnatürliche, studioähnliche Stille. Und wer genau hinsieht, wandert hier buchstäblich auf einem Meeresfriedhof der Kreidezeit. Mit etwas Suchen findet man versteinerte Haifischzähne, Muscheln und sonstige Meeresbewohner. Allgegenwärtig sind dagegen die von uns »rostige Igel« genannten gelben Klumpen. Diese entpuppen sich bei näherem Hinsehen als verwitterte Korallen, die aber an Schärfe wenig eingebüßt haben und sich von Fahrradreifen zu ernähren scheinen. Weite Bögen drumherum sind angebracht.

Apropos Bögen. Als wir das erste Mal die Bikes vom Pickup lupfen, sind wir gespannt wie Andi Kolbs Federbein. Ist unsere Tour eine absolute Schnapsidee oder finden wir hier tatsächlich ein Freeride-Paradies, welches Utah in Nichts nachsteht? Keine fünf Minuten später ist die Frage beantwortet. Tiramisu schmeckt uns so richtig und entpuppt sich als perfekte Spielwiese für abenteuerlustige Biker. Der Grip ist perfekt und viele Trampelpfade wirken wir gebaute Trails, Anlieger und Jumps inklusive.

Nachdem wir bis in die Dunkelheit die Reisesteifigkeit aus den Knochen gefahren haben, ist es Zeit für eine erste Campingnacht in der Wüste. Die Jungs von Redmaya haben bereits das große Gruppenzelt aufgebaut und es erwartet uns eine reich gedeckte Tafel und ein grinsender Koch, der uns mit Inbrunst seine Landesküche serviert: Eintöpfe mit viel Fleisch, darunter auch Kamel und Pferd. Die drei bei der Anmeldung zur Reise gemachten Kreuze bei „Vegetarier“? Werden weggelacht. Ein Kreuz wiederum haben wir vergessen zu setzen: Dass beim Sanitärpaket, welches Campingklo und Campingdusche enthält. Auf die Frage nach dem WC verweist man auf einen in der Ecke stehenden Spaten, an dem eine Rolle Klopapier flattert. Einlagig. Und als Duschersatz müssen fortan Feuchttücher herhalten, von denen Tobi zum Glück genug dabei hat.

Bereits am zweiten Tag nähern wir uns dem »Bokty«. So heißt jener Tafelberg, der mich seinerzeit derart in seinen Bann gezogen hatte, dass wir nun hier sind. Auch hier fällt die erste Bodenprobe positiv aus. Weich und doch griffig. Allein eine von oben bis unten fahrbare Linie ist nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Auch Headguide Beko zuckt auf die Frage, ob er mit seinen Kunden denn überhaupt mal auf den Bokty geklettert sei, mit den Schultern. In all den Jahren wurde dieser scheinbar nur von unten bestaunt. Also die Drohne ausgepackt und einen Inspektionsflug gemacht. Südseite, Nordseite oder Ostseite funktionieren nicht, da die Seiten zum Schluss hin stellenweise senkrecht abfallen. Bleibt die meist im Windschatten liegende Westseite. Ist hier der kleine Zweimeter-Drop direkt nach dem Start gemeistert, geht es über einen großen Felsen aus sandartigem Schotter, bevor nach halber Strecke tiefe Erosionsrinnen eine exakte Linie erfordern. Unten raus, wo das Gestein härter wird, sind einige technische Passagen zu meistern. Doch alles in allem fehlt am Ende kein Puzzlestück für eine flüssige und durchgehende Befahrung.

Hoch geht es auf gleichem Weg wie runter, das Bike quer auf den Schultern und die Pumpe am Anschlag. Drei Schritte hoch, zwei zurück. So hat man jedoch die Möglichkeit, sich die einzelnen Schlüsselstellen nochmal im Detail anzuschauen und, noch viel wichtiger, ab und an einen kleinen Steinhaufen als Wegweiser aufzuschichten, damit man im großen Ganzen nicht die Ideallinie verpasst.

Die Erstbefahrung durch Texi und Tobi verläuft dann ohne besondere Probleme geschweige denn einen Sturz. Überhaupt sollte man sich in diesem Niemandsland nicht verletzten, denn der Weg ins nächste Krankenhaus ist lang und voller Schlaglöcher. Die Grenzen des Mountainbikens lotet man lieber woanders aus. Besser weiter zum nächsten Höhepunkt: Die Bozjyra Fangs. Die »Drachenzähne « sind eine markante, stachelartige Kalksteinformation und nach dem Bokty sicher die zweitmeistfotografierte Sehenswürdigkeit der Region. Allein die Fahrt dorthin ist nicht von dieser Welt. Erde an Mars, wir kommen. Stellenweise fährt man an einer zweihundert Meter hohen, überhängenden Steilwand und man hofft, dass das Universum und die Erosion ein Einsehen haben.

Unser erstes Nachtlager hier liegt auf einem Hochplateau, von dem wir auf schmalem Grat zu einer Aussichtskanzel mit atemberaubendem Blick auf die Drachenzähne rollen. Ähnlich schick ist die Aussicht direkt aus dem Zelt. Die gesamte Gruppe ist sich einig: schöner haben wir noch nie gecampt.

Am nächsten Morgen fahren wir in einem weiten Bogen hinab auf den Grund des Tethys-Ozeans, aus dem die Drachenzähne ragen. Dass wir uns tatsächlich auf dem Grund eines Meeres befinden, bestätigt auch der Höhenmesser: minus 80 Meter über Normalnull. Vergleichsweise leicht fällt es in solchen Höhen, das Bike auf die Schulter zu nehmen und mal 200, 300 Meter hochzuspuren. Anders als der Bokty scheinen die Drachenzähne jedoch aus anderem Holz geschnitzt. Der Hang ist übersät von fliesenartigen Platten, auf denen man besser keine Vollbremsung hinlegt. Geschwindigkeits- Management ist hier kein leichtes, aber oberstes Gebot. Während Tobi vom Sattel zwischen den Zähnen starten will, kraxelt Texi noch ein paar Höhenmeter weiter. Sein Ziel ist stets der höchstmögliche Startpunkt, selbst wenn ihm dann nur ein meterbreiter Grat zwischen senkrechten Abgründen bleibt. Wieder geht alles gut, wenn auch bedeutend schneller als am Bokty. Zum Ende der Abfahrt bleibt nur die Straightline und die Hoffnung, dass man es unten in der Fläche schon wieder einbremst. Ihre Mischung aus Freudenschrei und Erleichterung müsste man noch in Aqtau gehört haben.

Acht Tage ziehen wir letztlich durch die Wüste und bekommen den Mund nur selten zu. Fernab von Menschen und Mobilfunk finden Tobi Woggon und Christian »Texi« Textor dutzende fahrbare Linien von Bergen, auf denen noch nie ein Mensch, geschweige denn ein Mountainbiker gestanden hat. Und auch das Drumherum hat es uns angetan, allen voran die Campingnächte bei völliger Stille unter einem phänomenalen Sternenhimmel. Neben einmaligen Natureindrücken hat uns aber auch die immense Gastfreundschaft der Kasachen berührt, die sich besonders im Wesen unseres Koches manifestierte, den alle aufgrund seiner Leibesfülle immer liebevoll »Shrek« nannten. »Қонақ келсе, құт келеді« war sein Credo. Wenn ein Gast kommt, kommt das Glück.

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