Monte Cimone
Text: Günter Scholz
Fotos: Roland Knapp, Michele Poli, Günter Scholz
Der Apennin zieht sich auf rund 1.200 Kilometern durch Italien und gehört zu den vielseitigsten Gebirgszügen Europas. Abseits der bekannten Bike-Destinationen hat sich rund um den Monte Cimone, im Hinterland von Modena, ein wahres Enduro Eldorado entwickelt. Und wir wollten herausfinden, ob die Region hält, was sie verspricht. Für unseren Roadtrip stellte uns Sunlight ein Ford-betriebenes T68 Wohnmobil zur Verfügung. Sieben Meter lang, eine riesige Garage für unsere Santa Cruz Bullit Bikes und jede Menge Komfort inklusive.

Unsere erste Station führt uns nach Montecreto, einem kleinen, ruhigen Dorf, am Fuße des Monte Cimone. Auf dem Campingplatz Parco Castagno schlagen wir für die nächsten Tage unser Lager auf. Hier befinden sich viele kleine Häuser, welche teilweise von Dauergästen benutzt werden. Gerade in der Hauptsaison lohnt sich eine Reservierung, da die Stellplätze überschaubar sind. Nach einer ruhigen Nacht können wir es kaum erwarten, endlich die ersten Trails zu fahren.

Ohne große Vorbereitung machen wir uns am nächsten Morgen auf den Weg. Über die Via Monte kurbeln wir hinauf Richtung Passo Lupo, wo wir zum ersten Mal den 2.165 Meter hohen Monte Cimone erblicken, der höchste Gipfel der Region. Zahlreiche Lifte und eine Kabinenbahn lassen erahnen, dass hier im Winter einiges los ist. Im Sommer dagegen begegnen wir während der gesamten Auffahrt kaum einer Menschenseele. Nach kurzer Orientierung finden wir schließlich den Einstieg für unsere Abfahrt. Sie beginnt mit den Magrignana Trail: Schnell und flowig geht’s ziemlich flott dahin, bis es bald in den Stellaro Trail geht. Dieser wird sehr steil und technisch. Da es am Vortag geregnet hat waren die Felsen dementsprechend rutschig und Vorsicht ist geboten. Nach der immer steiler werdenden Abfahrt, kommen wir fast direkt an unserem Campingplatz raus. Den perfekten Abschluss bildet ein hervorragendes Abendessen im Restaurant des Parco Castagno.

Nach einer erholsamen Nacht steht eine größere Runde auf dem Programm. Erneut folgen wir der Via Monte hinauf bis zum kleinen Lago della Ninfa, wo wir erstmal einkehren. Das Refugio Ninfa überrascht uns mit einem ausgezeichneten Essen. Gut gestärkt geht es über eine steile Forststraße bergauf bis an den Fuß des 2.165 Meter hohen Monte Cimone. Wir queren mehrere Skilifte und erinnern uns, dass hier einst Ski-Legende Alberto Tomba trainierte. Mein Begleiter Roland und ich sind uns schnell einig: Mit ausreichend Schnee dürfte das Gebiet im Winter auch ein echtes Freeride- Paradies sein.

Über saftig grüne Wiesen erreichen wir schließlich den Einstieg des 5,4 Kilometer langen Berceto Trails. Schnell und flowig geht es in den Wald: Verblockte Passagen, felsige Abschnitte und ein schmaler Canyon sorgen für echtes Enduro-Feeling. Viel zu schnell ist der Berceto zu Ende und wir genießen während der längeren Auffahrt zum Passo Lupo die herrliche Landschaft. Von dort wartet die Abfahrt zurück nach Montecreto. Der Canalone Trail ist allerdings eine echte Heraufforderung für den späten Nachmittag. Viel Laub, umgestürzte Bäume vereiteln ein schnelleres Vorankommen. Vielleicht hätten wir uns vorher doch besser über den Zustand des Trails informieren sollen. Immerhin steht für den nächsten Tag bereits ein Guide auf dem Programm, mit dem wir uns in Sestola verabredet haben.

Am nächsten Morgen fahren wir einen Karrenweg von Montecreto nach Sestola, wo wir uns mit unserem Guide Harry treffen. Treffpunkt ist die Talstation der örtlichen Seilbahn, wobei nicht von einer modernen Anlage die Rede ist, sondern von einem in die Jahre gekommenen Sessellift. Rundherum entdecken wir zahlreiche angelegte Trails. Hier fand sogar mal ein Europa Cup Downhill Rennen statt. Leider stellen wir relativ schnell fest, dass diese Trails schon bessere Tage gesehen haben, nur die meistgefahrenen Trails sind in einem guten Zustand. Gemeinsam mit Harry fahren wir Richtung Cimone und winden uns Kehre um Kehre hoch und warten gespannt auf die erste Abfahrt. Doch die lässt auf sich warten. Ein Blick auf Harrys Bike verrät schnell: Das wird eher eine XC-Runde. Wir umrunden den Cimone zur Hälfte und kommen endlich auf einen verblockten Trail der uns nach kurzer Abfahrt zur schönen Hütte „Capanna dei Celti“ führt. Hier bekommen wir wieder sensationelle Pasta serviert und alleine aus diesem Grund lohnt sich die lange Auffahrt. Frisch gestärkt erzählt uns Harry, von den Stray Dogs, einer lokalen Crew, die den Trail Namens Poggio Perduto DH pflegen und Instand halten. Natürlich wollen wir den Trail unbedingt fahren. Also geht es noch einmal bergauf, vorbei an den Skipisten bis zum Einstieg. Vor Ort sind wir dann etwas enttäuscht, weil er technisch viel einfacher war als erwartet. Wir genießen aber trotzdem die wilde Natur!

Zurück in Montecreto, erzählt uns Harry von Fanano, welches als Enduro Epizentrum bezeichnet wird. Dort kümmern sich die Jungs vom Cimone Enduro District um die Trails und organisieren jedes Jahr ein Endurorennen. Für uns ist sofort klar: Genau dort führt uns die Reise als Nächstes hin.
Etwas außerhalb von Fanano checken wir im Ecoday Camping ein. Der Campingplatz liegt mitten im Grünen, ist sehr ruhig und chillig. Für den nächsten Tag holt uns Harry ab. Auf dem Programm stehen 46 Kilometer und fast 2.000 Höhenmeter. Harry sitzt diesmal selbst auf einem E-Bike, denn die Auffahrt hat es in sich. Wir vertrauen auf unsere Santa Cruz Bullit E-Bikes, sind aber etwas besorgt, ob der 600W/h Akku auch ausreicht. Also heißt es: Eco-Modus einschalten und möglichst sparsam fahren. Auf der Hälfte der Strecke kehren wir zur Mittagszeit in die Capanna Tassoni Hütte ein. Und werden mit Tagliatelle Lepre (Hase) belohnt. Die Gaumenfreuden auf den Hütten der Region sind phänomenal und mein Kumpel Roland und ich sind uns einig das wir hier nicht zum letzten Mal waren. Mit vollem Bauch geht es nun weiter hoch zum Duca degli Abruzzi. Oberhalb der Baumgrenze geht es auf einem Pfad technisch fordernd berghoch, bis wir an den kleinen Lago Scafaiolo kommen. Am gleichnamigen Refugio gönnen wir uns noch einen Espresso und Kuchen. Vor uns liegt schließlich eine lange Abfahrt.

Die sanften Hügel hier oben sind übersät mit Heidelbeersträuchern. Soweit das Auge reicht, wachsen hier die berühmten Mirtilli, mit denen ein Großteil Italiens versorgt wird. Kurz darauf erreichen wir den Wald und es wird etwas ruppiger. Der endlose Trail ist nicht allzu schwierig hat aber viele schnelle Passagen und lässt uns Herz höherschlagen.
Am völlig zugewachsenen Lago Partignano, kommen wir bald auf den nächsten Trail. Mit der War Line haben die Jungs von Cimone Enduro District einen super Trail in die Landschaft gezimmert. Wir lassen es richtig laufen, ein sehr cooler Trail. Nach 2,7 Kilometern ist der Spaß zwar schon wieder vorbei, doch das Trail Abenteuer noch lange nicht. Über einen weiteren Anstieg erreichen wir den Ca Fuochi Trail, der ebenfalls Teil des alljährlichen Endurorennen ist. Verblockt und steinig trotzdem schnell müssen wir uns nochmal voll zusammennehmen und nach 3 Kilometern erreichen wir wieder Fanano. Was für eine traumhafte Tour!
Harry verabschiedet sich von uns, denn die nächsten beiden Tage übernimmt Michele von Cimone Enduro District. Den Abend lassen wir bei Pasta, Tagliata und Mirtilli mit Mascarpone in Fanano ausklingen. Michele steht pünktlich um acht Uhr mit seinem Santa Cruz Vala auf unserem Campingplatz. Eines muss man noch erwähnen: Wer hier mehrere Tage am Stück unterwegs sein möchte, profitiert eindeutig von einem E-Bike. Die täglichen 2.000 Höhenmeter wären sonst eine echte Ansage.
Michele kennt jeden Trail der Region und zeigt uns, was der Cimone Enduro District in den vergangenen Jahren aufgebaut hat. Durch das Enduro Rennen ist Fanano in Italien keine Geheimtipp mehr, aber bei uns ist die Region noch nicht sehr bekannt. Die Trails zeichnen sich vor allem durch flowige und verblockte Abschnitte mit teils ausgesetzten Passagen aus. Wer über eine solide Fahrtechnik verfügt, kommt hier voll auf seine Kosten. Am Ende stehen erneut 42,7 Kilometer und 1.864 Höhenmeter auf dem Tacho. Natürlich führt uns die Tour wieder an der Capanna Tassoni vorbei, wo wir natürlich einkehren. Obwohl Wochenende ist, begegnen wir erstaunlich wenigen Bikern und genießen die Ruhe. Lediglich am Campingplatz wird es voller. Kein Wunder: Die Städte Modena und Bologna sind nicht so weit entfernt und locken viele Leute in die wundervolle Bergwelt. Am Ecoday Campingplatz ist auch ein ausgezeichnetes Speiselokal und so lassen wir den Abend mit einem fantastischen Abendessen ausklingen.
Für den letzten Tag kündigt Michele noch eine besondere Tour an. Nur eins verrät er vorab: Mit unserer Akkuleistung werden wir die Tour nicht schaffen. Also laden wir unsere Bikes während einer kurzen Pause an der Capanna Tassoni nach und fahren weiter zum Passo Croce Arcana, hier sehen wir auf der anderen Bergseite in die Toskana hinüber. In Abetone wartet bereits der nächste Bikepark – vielleicht das nächste Reiseziel?
Doch zunächst quälen wir uns auf den ersten Bergrücken. Hier geht es on the Edge bis auf ungefähr 1.700 Höhenmeter über einige Grass Hügel. Teilweise ist es hier sehr steil und wir müssen zum Cima Taufi, welcher auf 1.798 Metern liegt unsere Bikes schieben. Von hier aus haben wir einen spektakulären Blick auf den Monte Cimone hinüber!
Dann beginnt das große Finale. Auf dem Höhenrücken entlang, durch hohes Gras kommen wir zum Passo Colombino und weiter zum abwechslungsreichen CA417. Teils verblockte Steilstücke wechseln sich mit schnell Passagen ab. Der Trail ist ewig, insgesamt waren es fast 11 Kilometer Trailvergnügen. Was für ein Abschluss! Nach 45,4 Kilometern, 2.422 Höhenmeter und 5:30 Stunden Fahrtzeit, rollen wir grinsend zurück. Besser hätte unser letzter Ride kaum sein können!

Die Jungs vom Cimone Enduro District haben hier eine Wahsinns Arbeit geleistet und arbeiten bereits am Erweitern der Trails. Es waren sehr cool Tage am Fuße der Monte Cimones, wo die Trails genauso gut sind wie das Essen. Wir werden sicher nicht zum letzten Mal hier gewesen sein. Wir bedanken uns bei Sunlight für das tolle Wohnmobil und bei Santa Cruz Cycles für die großartigen Bikes. Und großen Dank an unsere Guides, Harry aus Sestola und Cimone Enduro District, Michele und den anderen Jungs aus Fanano.






