Romanian Romance Part II
Text: Birgit Ertl | Fotos: Karo Krasin, Birgit Ertl
Eigentlich wollten wir nur zum Heli-Biken nach Rumänien. Das war im Sommer. Ein paar Monate später sitzen wir wieder im Flieger nach Timișoara, diesmal mit Ski statt Bikes im Gepäck. Nachdem uns Rumänien letzten Sommer mit Heli Biking in den Țarcu Mountains, Schwefelquellen und Meteoritenschauer ziem lich beeindruckte, war eigentlich klar: Romanian Romance muss weitergehen, diesmal im Winter.
Gleiches Land, etwas andere Crew. Da wäre zunächst ich, Birgit, leidenschaftliche Skifahrerin und grundsätzlich der Meinung, dass Reisen und Skifahren eine perfekte Kombination ergeben. Andere Länder zu entdecken ist großartig. Andere Länder auf Ski zu entdecken, noch besser.
Ebenfalls wieder mit dabei ist Fabs aus Innsbruck, der schon unser sommerliches Heli-Bike-Abenteuer miterlebt hat. Reise- und aben teuerlustig und grundsätzlich für so ziemlich alles zu begeistern, was fliegt, sitzt er doch beruflich selbst im Cockpit einer Boeing 777 von Austrian Airlines. Privat tauscht er die Triple Seven aber gerne gegen den deutlich kompakteren Airbus H125 Helikopter von Heliski Romania. Hauptsache, er fliegt.
Neu in der Runde ist diesmal Philip, mein Freund. Für ihn ist es die erste Reise nach Rumänien. Fabs und ich haben natürlich versucht, ihn mit unseren Geschichten vom Sommer auf unser Abenteuer vorzubereiten. Aber kann Romanian Romance Part 2 überhaupt mit Part 1, der Reise im Sommer mithalten?
Wer, wie wir, im Februar mit Ski im Gepäck und Powderträumen im Kopf in Timișoara aus dem Flugzeug steigt, könnte zunächst ein mal leicht an seiner Reiseplanung zweifeln. Die Stadt liegt gerade einmal auf rund 90 Metern Seehöhe, mitten in der flachen Banater Ebene. Keine Spur von tief verschneiten Gipfeln.
Schnee? Fehlanzeige. Berge? Auch eher überschaubar. Heliskiing? Schwer vorstellbar. Genau das macht die Anreise so spannend. Je weiter wir Richtung Muntele Mic fahren, desto mehr verändert sich die Landschaft. Aus der Ebene werden langsam Hügel, aus Hügeln Berge und irgendwann tauchen die ersten Schneeflecken auf. Die Straße wird steiler, die Schneedecke wird dichter und plötz lich stehen wir wieder dort, wo unsere Romanian Romance ein paar Monate zuvor begonnen hatte: in Muntele Mic. Dort treffen wir auch wieder unsere rumänischen Freunde von Heliski Rumania.
Für Fabs und mich inzwischen alte Bekannte, für Philipp zu diesem Zeitpunkt noch Namen aus unseren Sommergeschichten: Cristi, Romeo, Razvan und Valentina. Cristi Dunca ist in den Bergen rund um Muntele Mic aufgewachsen und kennt das Gelände entsprechend gut. Im Sommer hat er uns bereits mit den E-Bikes über scheinbar endlose Bergrücken ge führt. Romeo Dunca, Cristi’s Vater, den man bereit‘s kennt, wenn man Romanian Romance Part 1 gelesen hat. Wer nicht, dem sei ge sagt: Diesen Mann mit wenigen Worten vorzustellen ist eigentlich unmöglich. Für seine Lebensgeschichte würde ein eigenes Buch nicht ausreichen. Romeo ist Gründer von Heliski Romania, Pilot, Abenteurer und ehemaliger Rallyefahrer. Und wenn er gerade nicht irgendwo am Ende der Welt unterwegs ist, fliegt er seine Gäste in seinem Airbus H125 durch die Karpaten.

Diesmal sitzt allerdings nicht nur Romeo im Cockpit. Zum Team gehört auch Valentina, Helikopterpilotin mit mehr als 2.000 Flugstunden.
Und dann fehlt eigentlich nur noch einer: Razvan, auf der Web site von Heliski Romania offiziell geführt als „Après-Ski-Sensei“. Im Sommer hatte er uns bereits Timișoara und die dortigen Bars nähergebracht und war später Shuttlefahrer, Entertainer und un freiwilliger Teilnehmer einer schwarzen Mountainbike-Abfahrt. Im Winter ist er deutlich mehr in seinem natürlichen Habitat: Schnee, Ski und Après-Ski.
Muntele Mic - klein aber oho
Unser Ausgangspunkt für die nächsten drei Tage ist wieder Munte le Mic. Das Skigebiet ist mit einem modernen Mega-Resort in den Zentralalpen ungefähr so gut vergleichbar wie ein Dacia mit einem Ferrari. Und das ist keineswegs negativ gemeint. Muntele Mic hat seinen ganz eigenen Charme. Alles ist kleiner, un aufgeregter, persönlicher und vor allem entspannt. Aktuell gibt es fünf Liftanlagen: Drei Schlepplifte und zwei Sessellifte, dazu rund 20 Kilometer Pisten und sogar Nachtskilauf.
Kein Liftstress, kein Gedränge, keine Wartezeiten auf Highspeed Gondeln. Unser persönliches Highlight: Ein tanzender Liftler, der seinen Arbeitsplatz zur kleinen Bühne erklärte. Sein Schlepplift lief, die Musik auch und die Stimmung war nicht zu übertreffen. Will kommen in Rumänien.

Wer mit Heliski Romania unterwegs ist, kann direkt in Muntele Mic wohnen. Die Unterkunft liegt mitten im Skigebiet. Der 3-Tages-Ski pass für weSKI Muntele Mic ist beim klassischen 4-Nächte-Heliski Paket inkludiert. Damit lässt sich ein wetterbedingter Downday, an dem nicht geflogen werden kann, ziemlich entspannt mit einem Ski tag in Muntele Mic überbrücken. Zudem kann man vor, beziehungs weise nach dem Heli-Tag noch ein paar Pistenabfahrten anhängen. Wer nach dem Heliskiing erst einmal ein Nickerchen braucht, kann später trotzdem noch die Skier anschnallen. In Muntele Mic gibt es auch Nachtskifahren.
Eine ganz andere Option bietet das private Chalet der Duncas, ideal für alle, die es vor und nach dem Heli-Skiing ruhig und abgeschie den mögen. Das Chalet liegt auf rund 1.600 Metern mitten in der Natur, abseits des Skigebiets. Man kann allerdings nicht einfach mit dem Auto anreisen, wer dort wohnt, wird mit dem Helikopter ein geflogen. Beides, Muntele Mic und das private Chalet haben ihren eigenen Charme.
Eine kleine Hütte am Berg, die im Winter zur Après-Ski-Zentrale wird. Als wir dort sind, legt auf der Terrasse ein DJ auf. Es gibt keine riesige Bühne, keine Lichtershow und auch keine 3.000 Menschen. Ein paar Leute, Musik, Drinks, Schnee - klein, fein und genau richtig. Dass wir hier mit unserem Après-Ski-Sensei Razvan natürlich bes tens aufgehoben sind, versteht sich von selbst. Schon im Sommer hatte er uns durch Timișoara geführt und uns die rumänische Art zu feiern nähergebracht. Im Winter ist er endgültig in seinem Element.

Heli-Skiing ohne Klischees
Tag 1 unseres 3-tägigen Trips nach Muntele Mic: Wir schnallen vor unserer Unterkunft die Ski an, schieben zum Lift und fahren von der Bergstation direkt zum Heli, der schon auf uns wartet. Wer sich für die private Lodge der Duncas entscheidet, hat es noch einfacher, dort kommt der Heli direkt vor die Haustür. Nach dem ersten Eindruck von Muntele Mic fällt es schwer, sich vorzustellen, was uns nur wenige Flugminuten später erwartet. Das Skigebiet selbst ist eher flach und überschaubar. Nett zum Pisten Skifahren, aber nicht unbedingt eine Landschaft, bei der man so fort an steile Rinnen und ausgesetztes Gelände denkt. Dann hebt Romeo mit seinem Airbus H125 und uns auf der Rück bank ab. Muntele Mic verschwindet unter uns und innerhalb weni ger Minuten verändert sich die Landschaft komplett. Wir sehen die ersten steilen Rinnen und verstehen warum Romeo und Cristi von diesen Bergen so begeistert sind. An diesem Tag meint es auch das Wetter gut mit uns. Es scheint die Sonne, wir haben gute Sicht und es liegen rund 15 Zentimeter frischer Powder. Wir bekommen genau die Mischung, die Heliskiing für uns spannend macht. Weite, offene Hänge wechseln sich mit schmaleren Rinnen ab, zwischendurch gibt es entspannteres Ge lände zum Cruisen. Wer Heliskiing weniger als Adrenalinprüfung und mehr als außergewöhnlichen Skitag erleben möchte, findet genauso großartige Abfahrten wie jemand, der durch Rinnen am liebsten Straight Lines zieht. Die einzelnen Runs sind nicht die endlosen Abfahrten, die man vielleicht aus Kanada oder Alaska kennt. Aber dafür lassen wir uns einfach ein paarmal öfter shutteln um auf unsere Höhenmeter zu kommen.

Tag zwei erinnert uns dann daran, dass beim Heliskiing nicht Romeo, sondern immer noch das Wetter das letzte Wort hat. Wol ken hängen in den Bergen und machen unsere Flugpläne zunichte: Downday. Wir fahren ein paar Runden in Muntele Mic ski, testen Snowbikes, essen Pizza und feiern in der Sky Lounge. Wenn schon kein Heli fliegt, muss wenigstens der DJ arbeiten. Am dritten Tag wachen wir mit deutlich besseren Nachrichten auf: Der Heli fliegt wieder. Wir schnallen die Ski an und fahren zum Lan deplatz. Heute bringt uns Valentina hinaus in die höheren Berge und diesmal sammeln wir noch einmal rund 3.000 Höhenmeter in sieben bis acht Flügen. Fazit: Heliskiing in Rumänien fühlt sich anders an als das klassische Heli-Ski-Bild, das man vielleicht aus Kanada oder den großen euro päischen Destinationen kennt. Die Landschaft ist wild und weit. Die Țarcu Mountains bieten un berührte Hänge und unterschiedlichstes Gelände. Je nach Angebot sind mehrere tausend Höhenmeter an zwei Heli-Tagen vorgesehen. Aber genauso wichtig wie die Berge, sind die Menschen. Die Stim mung ist entspannt. Die Guides sind Teil der Crew. Man sitzt ge meinsam beim Essen, diskutiert über die Schneelage, lacht über den Tag und plant den nächsten.
Vom Heli direkt zum Grill
Und als wäre ein Tag mit dem Heli in den Țarcu Mountains nicht schon genug, wartet nach der letzten Abfahrt direkt neben dem Landeplatz noch ein weiteres Highlight auf uns: eine kleine Hütte mit Bar und einem Grill davor. Wer jetzt an die klassische Skihütte mit 48-seitiger Speisekar te und drei verschiedenen Interpretationen von Kaiserschmarrn denkt, ist hier falsch. Stattdessen steht der Grillmeister höchstper sönlich draußen am offenen Grill. Man sucht sich aus, was er einem draufschmeißen soll, und wenige Minuten später sitzt man mit mü den Beinen und einem frisch gegrillten Essen am Tisch – genau das, was man braucht nach einem Tag im Powder. Vielleicht beschreibt genau diese kleine Hütte am besten, was wir an Rumänien so mögen: Es ist nicht weniger, es ist einfach weniger kompliziert. Romanian Romance Part 2 war keine Wiederholung des Sommers. Es war die logische Fortsetzung. Und irgendwie habe ich das Gefühl, dass diese Geschichte damit noch nicht ganz zu Ende erzählt ist.
To be continued…






